Aus dem Inhalt

Vorwort

Landesamtsdirektor Univ.-Prof. Dr. Gerhart Wielinger
Herausforderung Europa - Herausforderung Welt

Dr. Benita Ferrero-Waldner
Zur neuen Architektur Europas

Vizekanzler a. D. Dr. Erhard Busek
Das "Projekt Europa"

Landeshauptmann Waltraud Klasnic
Die Steiermark im Konzert der Regionen

Dr. Wolfgang Streitenberger
Europa der Bürger - was ist das?

Stimmen aus Ost und West
Wie Botschafter und Konsuln das Zusammenwachsen unseres Kontinents beurteilen

Prof. Kurt Jungwirth
Sprachgewinn ist Kulturgewinn

Univ.-Prof. Dr. Gerhart Wielinger
Bedroht Europa sich selbst?

Landesrat DI Herbert Paierl
Chancen und Risken der EU-Erweiterung

Mag. Michael Jungwirth
Als steirischer Journalist in Brüssel

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer
Herausforderung Welt (Globalisierung)

Hofrätin Dr. Elisabeth Chibidziura
Ostbotschafter suchen Kontakte zur Steiermark

Prof. Kurt Jungwirth
Multikulti ...

Anerkennung von Günter Verheugen
für Europapioniere in Feldbach

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Rack
Als steirischer Abgeordneter in Brüssel

Dr. Erhard Busek
Wo ist Europas Hauptstadt?

quergelesen - quergelesen - quergelesen

Dr. Michael Mayer-Rieckh
Die Expansion vor der Haustür

Dr. Heinz Rabussay
Perspektiven für den Handel im größeren Europa

Präsident Ök.-Rat Gerhard Wlodkowski
Vorrang für erneuerbare Energie

Dr. Heribert Schwarzbauer
Gerda Klimek und Sepp Trummer

Max Mayr
Optimismus im "Almenland"

Willibald Richter
Europa wächst

Stimmen aus Ost und West

Wie Botschafter und Konsuln das Zusammenwachsen unseres Kontinents beurteilen

Dr. Gerold Ortner
Konsul der Republik Polen

Polen war immer Europa

    Polen hat im 20. Jahrhundert ein furchtbares Schicksal erlitten. Hitler und Stalin überfielen dieses Land und trafen sich am Bug. 1945 wurde dieser mitteleuropäische Staat Teil des Ostblocks. Die Gegenwehr war mutig, aber zunächst erfolglos, die Aufstände von Posen (1956) und Danzig (1970) wurden brutal niedergeschlagen. Später brachten der polnische Papst und die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc das kommunistische System weit über Polen hinaus ins Wanken. Paul Lendvai hat dies auf den Punkt gebracht: "Solidarnosc gab die Initialzündung zum Kollaps der kommunistischen Herrschaft in Mittelosteuropa 1989."

    Polen ist heute eine gefestigte Demokratie und NATO-Mitglied. Durch mutige Reformschritte hat Polen seit der Wende das höchste Wirtschaftswachstum aller Reformländer. Polen will nicht nach Europa, sondern ist immer Europa gewesen. Es lag nur unschuldigerweise auf der "falschen Seite" des Eisernen Vorhangs.

    Unlängst hat die EU dem Beitrittswerber Polen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Beitritt wäre für die gesamte EU eine Bereicherung - auch für Österreich, das von der Ostöffnung gewaltig profitiert. Es wäre ungerecht, ein Land, das einen so großen Beitrag für ein Europa in Frieden und Freiheit geleistet hat, vor den Toren der EU stehen zu lassen.


Dkfm. Dr. Kurt Oktabetz
Konsul der Republik Slowenien

Drehscheibe für Balkanländer

    Wenn Wohlstand und Sicherheit zu den begehrtesten Gütern der Menschen, Völker und Staaten gehören und ein gemeinsamer Kulturkreis eine wesentliche Integrationsvoraussetzung ist, dann stellt sich die Frage der europäischen Erweiterung - im Fall Sloweniens nach dem Süden - in keiner Weise als Problem. Weder für die derzeitige EU noch für die Beitrittskandidaten, sie richtet sich höchstens nach den administrativen Erfordernissen.

    Die Unterbrechung durch gesellschaftspolitisch erzwungene Fehlentwicklungen konnte die kulturelle Zugehörigkeit zu den abendländischen Werten nicht beeinflussen. Slowenien war schon als Teilrepublik des ehemaligen Jugoslawien sehr westlich orientiert. Slowenien könnte jetzt, in Bezug auf die Balkanländer, jene Drehscheibenrolle übernehmen, die seinerzeit Österreich gegenüber Osteuropa zugesprochen wurde.

    Die wirtschaftliche Integration bedeutet natürlich für Slowenien, aber auch für das Europa der 15, speziell für Österreich - und vor allem für die Steiermark - ein Überwiegen der Vorteile, wie sich aus sämtlichen Untersuchungen herauslesen lässt. Slowenien hat es während der zehn Jahre seit seiner Unabhängigkeit geschafft, ein Bruttoinlandsprodukt zu erzielen, das die EU-Mitglieder Griechenland und Portugal übertroffen und nun mit Spanien gleichgestellt hat.

    Vernünftige Übergangslösungen könnten einen Beitritt innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre problemlos gestalten lassen. Slowenien wird dazu bis Ende 2002 bereit sein.

    Der in den Nachbarländern der Beitrittskandidaten vielfach geäußerten Problematik der Migration und des Pendlerwesens kann mit dem Hinweis begegnet werden, dass derzeit mehr Österreicher in Slowenien arbeiten als Slowenen in Österreich.


Botschaftsrat Henrik Kiil
Königlich Dänische Botschaft, Wien

Baustein für den Frieden

    Für Dänemark ist der Erweiterungsprozess mit den zehn zentral- und osteuropäischen Ländern sowie Malta und Zypern ein entscheidender Baustein bei der Gestaltung eines friedlichen und stabilen Europas. Es ist erst gute zehn Jahre her, dass die Berliner Mauer gefallen ist und der Eiserne Vorhang abgerissen wurde. Jetzt stehen wir vor der Aufgabe einer friedlichen Vereinigung Europas, wissend, dass die Mitgliedsstaaten durch die Zusammenarbeit am weitesten kommen werden.

    Es ist klar, dass nicht alle zwölf Staaten zur Rechte gebenden und verpflichtenden Mitgliedschaft gleich bereit sind. Wir müssen damit rechnen, dass einige Staaten bald in die EU aufgenommen werden, andere Staaten aber noch länger im Vorzimmer warten müssen. Dies ändert jedoch nichts an der Perspektive, dass durch die Zusammenarbeit mit den einzelnen Beitrittskandidaten eine Mitgliedschaft heranreift, die der politischen und wirtschaftlichen Einigung Europas neue Akzente verleiht.

    Diesen Auszug aus der Stellungnahme von Botschaftsrat Henrik Kiil verdanken wir Dr. Hans J. Weitzer, Königlich Dänischer Konsul.


Mag. Rudolf Roth
Konsul der Republik Ungarn

Ungarisches Millennium

    Das Millenniumsjahr 2000 hat für Ungarn einen besonderen Stellenwert. Die Besonderheit dieses Datums liegt darin, dass Ungarn das 1000-jährige Jubiläum seines Bestehens feiert. Genau so wie vor 1000 Jahren, als Stephan I. mit jener von Papst Sylvester II. geschenkten Krone gekrönt wurde, das Land die Entscheidung traf, den christlichen Glauben anzunehmen und somit den gemeinsamen Weg des christlichen Europas zu gehen.

    Im Jahre 2000 steht Ungarn neuerlich vor der großen zukunftsweisenden Herausforderung, Teil des heutigen vereinten Europas zu werden, das mehrmals den Launen der Geschichte zum Opfer fiel. Der Erweiterungsprozess mit all seinen Vorteilen und Konsequenzen sei das größte Friedens-, Freiheits- und Wohlstandsprojekt des 21. Jahrhunderts, erklärte unlängst der ungarische Staatspräsident Dr. Ferenc Mádl in Wien.

    Alle Europäer müssen bestrebt sein, dieses Projekt zu unterstützen und ein Beispiel für gelebte Nachbarschaft und Menschlichkeit über die Grenzen hinweg zu geben, um dieses Ziel zu erreichen. Das Millenniumsjahr 2000 ist ein kräftiger Auftakt zur gemeinsamen Zukunft Europas.


Dr. Franz Harnoncourt
Konsul des Großherzogtums Luxemburg für Steiermark und Kärnten

Eine moralische Pflicht

    Die luxemburgische Regierung tritt vehement für den Beitritt der zentral- und osteuropäischen Staaten ein. Die Bevölkerung dieser Länder war ohne eigenes Verschulden jahrzehntelang schmerzlich von dem Teil Europas getrennt, der sich nach den tragischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs eine neue Friedensordnung aufbauen konnte und die Feinde von einst in einem geeinten und wohlhabenden Teil Europas zusammenschloss. Die Trennungslinien von 1945 sind künstlicher Natur gewesen. Heute, nach den vielen Leiden und dem oft heldenhaften Widerstand der Menschen gegen die totalitären Systeme im Osten unseres Kontinents, ist es unsere moralische Pflicht, sie wieder in ihre ureigene Familie aufzunehmen. Die Erweiterung wird den europäischen Volkswirtschaften, auch den Ländern der EU 15 durch Erschließen neuer Märkte und Mehrung des Wohlstandes kräftigen Auftrieb geben.

    Seit den Beschlüssen des Gipfels von Luxemburg im Dezember 1997 hält die luxemburgische Regierung an den damals festgesetzten Prinzipien fest: Die Kandidatenländer sollten differenziert beurteilt und der Zeitpunkt ihres Beitritts von ihren eigenen Verdiensten abhängig gemacht werden. Die direkten EU-Nachbarn der Beitrittskandidaten werden die Hauptnutznießer dieser Erweiterungsrunde sein, welche sicherlich qualitativ und quantitativ die größte Herausforderung der EU-Geschichte darstellt. Für die grenznahen EU-Staaten können vorübergehend spezifische Probleme auftreten, die durch geeignete Übergangsmaßnahmen oder -perioden abzufedern sind, auch im Interesse der Kandidatenländer.

    1989 war das Schicksal dem europäischen Kontinent wohlgesonnen. Wir haben aber noch nicht alle Früchte eingefahren. So geht es letztendlich darum, Geschichte und Geographie dieses Erdteils wieder zusammenzuführen.


Mag. Dr. Nikolaus Hermann
Konsul der Republik Kroatien

Hoffnung auf Freihandelszone

    Die neue kroatische Regierung bekräftigt ihre Zielsetzung, eine offne und in die europäischen ökonomischen Strukturen integrierte Wirtschaft aufzubauen. Deshalb ist es notwendig, Handelsabkommen mit der EU, EFTA, CEFTA und anderen europäischen Staaten zu fixieren, welche sich auf Freihandelsabkommen gründen. Das strategische Ziel der Republik Kroatien ist, ein Stabilisations- und Assoziationsabkommen noch vor Mitte 2001 abzuschließen. Zusätzlich werden die Verhandlungen im Hinblick auf ein Freihandelsabkommen mit Bosnien und Herzegowina intensiviert, so dass Kroatien dieses Abkommen noch anwenden kann, bevor es assoziiertes Mitglied der EU wird.

    Anlässlich des Ministertreffens der EFTA-Staaten in Zürich unterschrieb die Regierung der Republik Kroatien die Deklaration betreffend Zusammenarbeit zwischen der Republik Kroatien und den EFTA-Staaten. Dies ist ein Ausgangspunkt für die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der Republik Kroatien und den EFTA-Staaten. Die erste Runde dieser Verhandlungen wurde in Zagreb am 26. und 27. Oktober 2000 durchgeführt. Das Hauptziel Kroatiens ist, der Europäischen Union beizutreten. Demokratische Veränderungen in Kroatien wurden durch die EU auch anerkannt, und zwar durch die schnelle Öffnung des Stabilisierungs- und Assoziationsprozesses.

    Die aktuellen Verhandlungen begannen bereits beim Treffen der Südosteuropäischen Staaten am 27. November 2000 in Zagreb. Es besteht begründeter Optimismus, dass dieses Abkommen hinsichtlich der Schaffung einer Freihandelszone zwischen der EU und Kroatien noch im Laufe des Jahres 2001 implementiert wird.


Guy Verhofstadt
Premierminister von Belgien

Lange genug getrennt gelebt

    Die Staats- und Regierungschefs der EU 15 befürworten die Erweiterung der Union. Wir haben lange genug auf einem geteilten Kontinent gelebt. Warschau, Prag, Budapest, Sofia, Bukarest sind europäische Städte genauso wie Berlin, Rom, Paris, Madrid und London. Wenn es um die Erweiterung geht, steht die Wiederherstellung der Einheit Europas auf dem Spiel, das erneute Sich-Überschneiden der geographischen und politischen Identität, genauso wie im Jahre 1989, als es um die Wiederherstellung der deutschen Einheit und damit um die deutsche Identität ging. Jahrelang wurde Europa durch den Kommunismus gespalten. Die Einheit Europas muss jetzt so schnell wie möglich wieder hergestellt werden.

    Es gibt eine Menge vernünftige Beweggründe, um dieses große Europa zustande zu bringen. Das Abweisen der europäischen Einheit bedeutet die große Gefahr einer weiteren Zersplitterung von Zentral- und Osteuropa, einer Instabilität an unseren Außengrenzen, des zunehmenden Zuwanderungsdrucks, der Konflikte und Kriege.

    Es ist also klar, dass parallel zum Ankurbeln der Debatte über die Endziele Europas, die Beitrittsverhandlungen so schnell wie möglich zu einem guten Ende geführt werden müssen.

    Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der Rede, die Belgiens Premierminister Guy Verhofstadt am 21. September 2000 im "European Policy Center" in Brüssel gehalten hat.

Der Königlich Belgische Konsul für Steiermark und Kärnten, Dipl.-Ing. Gerhard Franz, besorgte uns dieses Statement.


Dr. Heinz Scheidbach
Königlich-Norwegischer Konsul

Norwegens Zukunft ist ...

    Die Entwicklung der EU und Europas in den letzten sechs Jahren erzeugte eine Neuorientierung Norwegens in Richtung einer "proaktiven Europapolitik". Das Nein Norwegens zur EU-Mitgliedschaft 1994 resultierte aus wesentlichen Problemen im Fischfang, in der Landwirtschaft und aus der geographischen Randlage. Aus heutiger Sicht ist die EU und deren Erweiterung, insbesondere Osterweiterung, aus der Perspektive Norwegens Chance und Herausforderung, Europa in dramatischer Weise zu verändern und Sicherheit und Stabilität zu erhöhen.

    Eine im Auftrag der Norwegischen Regierung in Arbeit befindliche Standortanalyse wird Norwegens Beziehungen zur EU, den einzelnen Mitgliedsstaaten und zu den Mitgliedskandidaten in West und Ost auflisten und in Kürze die Stimmung Norwegens zur EU und deren Erweiterung dokumentieren: "Europas Zukunft ist Norwegens Zukunft."


Dkfm. Dr. Horst Schumi
Konsul der Ukraine für Kärnten und Steiermark

Erfolgreiche EU-Projekte

    Die Ukraine als flächenmäßig größtes Land Europas mit mehr als 50 Millionen Einwohnern unternimmt gewaltige Anstrengungen um eine mittelfristige Aufnahme in die Europäische Union zu erreichen. Privatisierung von Unternehmen, Grund und Boden, Anpassung an die europäischen Rechtsnormen sowie Kooperationen vor allem mit westlichen Firmen und Organisationen stehen auf dem Programm der Regierung.

    Als Spezialist in der Weltraumtechnik, in der Stahl- und Schiffsbauindustrie sowie im Flugzeugbau kann die Ukraine einen großen Beitrag zur europäischen Wirtschaft leisten.

    Vom Bundesland Kärnten, das die Projektleitung innehat, wurden inzwischen die ersten EU-Projekte in der Ukraine erfolgreich durchgeführt. Derzeit befindet sich das bereits von der Europäischen Kommission genehmigte Projekt "IPPM Chernovtsy" (ehemals K.u.K. Czernowitz) in Vorbereitung.


Presseattaché Timo Heino
Finnische Botschaft Wien

Die wichtigste Aufgabe

    Die EU-Erweiterung wird in den nächsten Jahren die wichtigste Aufgabe der Union sein. Finnland betont die Bedeutung der effektiven Arbeitsweise, der Glaubwürdigkeit und der ausreichenden Ressourcen während des Verhandlungsprozesses über die Mitgliedschaft der Beitrittswerber. Die in Kopenhagen vereinbarten Voraussetzungen dienen als Leitfaden während des ganzen Verhandlungs- und Erweiterungsprozesses.

    Die Richtlinien des Strategieplans der EU-Kommission vom 8. November 2000 für den Ablauf der Verhandlungen haben in den Mitgliedsländern ein positives Echo ausgelöst. Finnland hat sich für eine rasche Durchführung verpflichtet. Jedem Bewerber muss die Möglichkeit gebeben werden, nach eigenen Voraussetzungen voranzukommen. Wichtiger als die Festlegung der genauen Beitrittstermine, die nun zwischen 2002 und 2004 angepeilt werden, ist der positive Abschluss der Verhandlungen.

    Finnland stellt mit Zufriedenheit fest, dass beim EU-Gipfel in Nizza eine neue Phase eingeleitet werden konnte. Die von der Kommission entworfene "Road-Map" dient uns als Wegweiser für die weiteren Gespräche und Abschlüsse.

    Diesen Beitrag hat uns der finnische Konsul für die Steiermark, Johannes Hornig übermittelt.


Dr. Wolfgang Leitner
Konsul der Bundesrepublik Deutschland

Ein enormes Wachstumspotenzial

    Die EU-Osterweiterung stellt sowohl für die Beitrittsländer, aber auch für Deutschland und die Europäische Union selbst eine einmalige Chance und Herausforderung dar. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in das bestehende Gefüge der Europäischen Union bedeutet langfristig die Sicherung der Stabilität in Europa. Zudem eröffnet sich durch den Wegfall der bestehenden Handelsbeschränkungen ein enormes wirtschaftliches Wachstumspotenzial. Die Osterweiterung bedeutet eine Vergrößerung des EU-Binnenmarktes um über 100 Millionen Menschen. Bereits jetzt wickeln diese Staaten mehr als die Hälfte ihres Außenhandels mit der EU ab.

    Angesichts der geographischen Lage Deutschlands und den enormen Direktinvestitionen ist die deutsche Wirtschaft sehr gut positioniert, um von diesem vergrößerten Binnenmarkt zu profitieren. Allerdings müssen mit der Osterweiterung auch erhebliche Anstrengungen und Investitionen zum Ausgleich bestehender struktureller Defizite unternommen werden. Funktionierende Marktwirtschaften, die dem Wettbewerbsdruck der EU 15 standhalten können, sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration der neuen Beitrittsländer. Langfristiges Ziel muss es sein, eine gemeinsame Wirtschafts-, Außen-, Währungs-, Verteidigungs-, Asyl- und Flüchtlingspolitik umzusetzen. Ebenso sollten Fragen zu Umwelt und Kriminalität länderübergreifend geregelt werden. Alles andere sollte gemäß dem Subsidiaritätsprinzip der EU den Beitrittsländern überlassen bleiben.

    Dr. Wolfgang Leitner ist Vorstandsvorsitzender der Andritz AG.


Professor Quirino Pripincipe
Mailand

Eine Währung - viele Sprachen und Kulturen

    In der derzeitigen europäischen Einigungsphase gibt es einen Kapitalfehler. Der Bau Europas wurde nicht mit dem Fundament, sondern mit dem letzten Dachziegel begonnen: mit der Währungseinheit. Diese ist zweifellos ein wichtiges Ziel, das sich allerdings erst als Konsequenz aus zahlreichen anderen logischen Schritten ergeben sollte. Die Einigung Europas hätte mit dem besseren Verständnis der europäischen Sprachen beginnen sollen und nicht mit der Verflachung auf eine einzige Sprache (Englisch, schlimmer noch, das Pseudoenglisch der Informatik- und Finanzwelt). Europa ist jener Kontinent, auf dem sich auf relativ kleinem Raum mehr Nationalkulturen als irgendwo sonst auf der Welt herausgebildet haben, die ihre Originalität und Universalität besitzen. Jede einzelne europäische Nation kann mit Recht von sich behaupten universelle Ideen geboren und unschätzbare Kulturgüter hervorgebracht zu haben. Europa ist ohne Shakespeare, Dante, Goethe, Baudelaire, Proust, Bach, Mozart, Verdi, Ibsen, Tolstoj nicht vorstellbar und die Liste derer, die die europäische Kultur geprägt haben, ließe sich noch unendlich lang fortsetzen. Da eine nationale Kultur sich durch ihr Idiom ausdrückt und da die Sprache, wie Ernst Jünger schrieb, die größte Erfindung der Menschheit ist, sind alle europäischen Nationalsprachen Kulturgüter erster Ordnung. Das Wunder, sie ohne sprachliches Sektierertum alle zu erhalten und nach Möglichkeit aufzuwerten, um uns miteinander zu verständigen, müssen wir vollbringen. Jeder Europäer sollte eine möglichst große Zahl europäischer Sprachen beherrschen. Dies hätte das erste Ziel der europäischen Einigungsbestrebungen sein sollen und nicht die durchaus wichtige aber vergleichsweise mediokre Währungsunion, der viel beschworene Euro.

    Dieses Zitat stammt aus einem umfangreichen Beitrag von Professor Quirino Pripincipe, Mailand. Der italienische Konsul für Steiermark, Helfried Leskoschek, hat uns diese kulturpolitisch wichtigen Aussagen übermittelt.


"steirische berichte" 6/2000: Herausforderung Welt - Herausforderung Europa