Aus dem InhaltVorwort
a.o. Univ.-Prof. Dr. Helmut Kuzmics
Univ.-Prof. Dr. Peter Schick
Univ.-Prof. Dr. Dr. Gerald Schöpfer
Univ.-Prof. Mag. Dr. Rudolf Muhr
Max Mayr
Mag. Gerhard Winkler Wenn die Gewalt regiert. Dokumentarfotos Hainburger Au und Opernballdemonstration
Helga Bernhart
Dr. Horst Lattinger
Franz Küberl
Hans Küng
Dr. Andreas Schnider
Univ.-Prof. Dr. Rudolf Egger
Kurt Jungwirth
Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer
Farbteil
Univ.-Prof. Dr. Helmut Seel
Dr. Roland Steidl Landesrat Gerhard Hirschmann über Konturen der neuen Kulturpolitik. Ein Interview Landeszeughaus auf CD-ROM und Steirische Singwoche auf Schloss St. Martin
Heribert Schwarzbauer Johannes Koren über Gerhard Moswitzer
Prof. Dr. Peter Teibenbacher
Max Mayr
Max Mayr Modellgemeinde Markt Hartmannsdorf Die Mur - Fluss des Jahres 2001 Ein Bach fließt über den Tummelplatz Die Erhellung der Vergangenheit Quergelesen
Elisabeth Färber Treffpunkt Grazer Künstlerhaus Gleisdorf und Weiz stehen unter Strom
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Die Hände in der Hosentasche - die Füße auf dem Tisch
Helmut Kuzmics
"Am Sonntag hatte Herr von Trotta und Sipolje keinen Dienst. Den ganzen Vormittag von neun bis zwölf reservierte er für seinen Sohn. Pünktlich zehn Minuten vor neun, eine Viertelstunde nach der ersten Messe, stand der Junge in der Sonntagsuniform vor der Tür seines Vaters. Fünf Minuten vor neun kam Jacques in der grauen Livree die Treppe herunter und sagte: ‚Junger Herr, der Herr Papa kommt'. Carl Joseph zog noch einmal an seinem Rock, rückte das Koppel zurecht, nahm die Mütze in die Hand und stemmte sie, wie es Vorschrift war, gegen die Hüfte. Der Vater kam, der Sohn schlug die Hacken zusammen, es knallte durch das stille, alte Haus. Der Vater schritt also durch die Tür, Carl Joseph folgte ihm und blieb an der Schwelle stehen. ‚Mach dir's bequem!', sagte nach einer Weile der Bezirkshauptmann. Jetzt erst trat Carl Joseph an den großen Lehnstuhl aus rotem Plüsch und setzte sich, dem Vater gegenüber, die Knie steif angezogen und die Mütze mit den weißen Handschuhen auf den Knien." Diese Stelle aus Joseph Roths berühmtestem Roman illustriert besser als dies lange Abhandlungen tun könnten, was die formalisierten Umgangsformen der ehemaligen Oberschicht der Habsburgermonarchie ausmachten und was sie bedeuteten. Da ist die ganz asymmetrische Beziehung zwischen Vater und Sohn, die es Ersterem zur Selbstverständlichkeit macht, Respekt und Gehorsam einzufordern, während Letzterer mit allen Anzeichen innerer Anspannung, Angst und Gehemmtheit die dann folgende Prüfung über sich ergehen lassen muss. Kein zufälliges Accessoire ist die Uniform und das Zusammenschlagen der Hacken - es handelt sich um eine Welt, die noch stark von kriegerischen Mustern durchzogen ist. Die Situation selbst in der Familie ist stark ritualisiert, das Machtgefälle zwischen Vater und Sohn ausgeprägt; man kann sich gut vorstellen, dass schon eine inkorrekte, schlampig-lässige Körperhaltung des Sohnes vom Vater als Aufsässigkeit wahrgenommen worden wäre; je nach Temperament hätte dieser dann seinem Unmut luftig-brüllend oder schneidend-ironisch Ausdruck verleihen können. Zeitgenössische Österreicher haben in aller Regel vergessen, wie dominant dieser Formenkanon - wie es der Herr Karl sagte: "Herren und Formen", die es früher noch gegeben hätte - vor noch nicht allzu langer Zeit gewesen ist. Handkuss und Duell Dazu gehört natürlich auch der galante Handkuss gegenüber höher gestellten Frauen, die starke Bindung an jene Ehre, die sich z. B. der in eine neue Garnison versetzte Offizier mit der Waffe in der Hand via Duellforderungen sofort vor Ort verschaffen musste; die ubiquitär anzutreffende Militärmusik und der hohe Stellenwert rauschender Bälle für die heiratsfähigen Töchter und Söhne der jeweiligen lokalen (oder haupt- und residenzstädtischen) guten Gesellschaft. Nichts ist bezeichnender für den ungeheuren Wandel, der Mitteleuropa im Gefolge zweier verlorener Kriege und technisch-wirtschaftlicher Neuerungen ereilt hat, als das Verschwinden einer ganzen Schicht und korrespondierender Lebensformen aus dem Bewusstsein der Gegenwart. Das heutige kleine, republikanische Heer fristet bis jetzt ein kaum geduldetes Kümmerdasein (die Ausstattung mit Flugzeugen wurde z. B. abgelehnt, weil sie zu laut waren); vom Zauber der Montur ist wenig zu bemerken, stattdessen feiert die verkehrt aufgesetzte Baseballmütze (bekanntlich ist ja Baseball ein österreichischer Lieblingssport) ebenso Triumphe wie die Amerikas fruchtbarem Schoß entschlüpften Rollerskates, Snowboards und dergleichen mehr. Es wäre wohl kein Wunder, wenn die Abkömmlinge der alten Oberschichten eine profunde Tristitia befiele.
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