Ost-Erweiterung: Chancen und Risken

Sixtus Lanner

Bei Diskussionen und Vortragsveranstaltungen über die EU-Osterweiterung sind Fachleute aus der Landwirtschaft kaum vertreten. Das mag seine Gründe haben. Die Landwirtschaft ist ein sensibler Bereich der Osterweiterung. Man will sich mit diesen Problemen offenbar nicht belasten.
    Die EU-Erweiterung ist eine Investition in Frieden, Stabilität und Wohlstand. Diese Ziele stehen außer Streit. Auch der Umstand, dass Österreich von einer Randlage ins Zentrum des Geschehens rückt, ist eine faszinierende Perspektive. "Früher waren wir der reiche Westen, später der arme Osten", meinte ein Arbeiter aus dem Grenzraum in Anspielung auf die Verhältnisse in der Donaumonarchie. "Vielleicht finden wir wieder zurück zu unserer alten Rolle."

Hoffnung auf Wohlstand

    Die Erweiterungskandidaten verbinden mit dem EU-Beitritt die Hoffnung nach steigendem Wohlstand, guten Verdienstmöglichkeiten sowie einem möglichst hohen Anteil an EU-Fördergeldern. Ihre Sorge gilt dem Ausverkauf von Grund und Boden durch reiche West-investoren. Sie fürchten Anpassungsprobleme bei den EU-Hygiene- und Umweltstandards sowie im Tierschutzbereich.
    Österreichs Wirtschaft erwartet sich von der EU-Erweiterung neue Impulse und zusätzliche Absatzmärkte. Davon profitiert auch die Land- und Forstwirtschaft. Was den Österreichern Sorge macht ist die Billigkonkurrenz sowohl bei Produkten als auch bei Arbeitskräften.
    Den Bauern macht das gewaltige Agrarpotenzial der Erweiterungskandidaten Kopfzerbrechen. Dazu hört man gelegentlich, die Sorge sei unbegründet, da mit Ausnahme von Ungarn alle Beitrittskandidaten Nettoimporteure bei Agrarprodukten sind. Die Erfahrung lehrt aber, dass die Leistungsfähigkeit in der Produktion meist unterschätzt wird. Mit dem EU-Beitritt aller zehn Kandidaten aus Ost- und Mitteleuropa erhöht sich die Einwohnerzahl und damit die Zahl der Kunden um rund 28 %, das natürliche landwirtschaftliche Potenzial steigt hingegen um mindestens 40 %. Die Bauern sind also gut beraten, wenn sie sich rechtzeitig auf einen härteren Wettbewerb einstellen.

Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in der neuesten Ausgabe der "steirischen berichte".

Dr. Sixtus Lanner hat 1971 als Direktor des Österreichischen Bauernbundes und als Abgeordneter zum Nationalrat den Begriff "Ländlicher Raum" geprägt. Er wirkte u. a. als Präsident der Agrarkommission des Europarates. Seit 1990 ist er Präsident der Arbeitsgemeinschaft Ländlicher Raum, seit 1995 Berater interna-tionaler Organisationen für Fragen der ländlichen Entwicklung.