Wird der Bauernstand überleben?
Gerald Schöpfer
Die Zahl der Landwirte ist in allen modernen Wirtschaftssystemen im Rückgang begriffen. Seit dem Werk "The Conditions of Economic Progress", welches Colin Clark 1940 publizierte, messen die Wirtschaftshistoriker den Fortschritt einer Gesellschaft daran, in welchem der drei Wirtschaftssektoren das Gros der Produktionsfaktoren zu finden sei.
Vor der Industriellen Revolution waren die meisten Menschen in der Landwirtschaft tätig. Dies hing mit den schwierigen Produktionsmethoden und den geringen Erträgen zusammen. Bis etwa 1800 war auch die damals "entwickelte" Welt immer wieder von Hungersnöten geplagt. Ernteschwankungen konnten bereits eine Gefährdung der Ernährungsgrundlage bringen. Unterversorgung führte oft zu einem Massensterben.
Agrarrevolution und Landflucht
Diese statische Welt änderte sich durch tief greifende Umwälzungen. Mit der Agrarrevolution, die um 1700 im Flachland Holland begann, wurden immer weniger Arbeitskräfte benötigt, um die Bevölkerung ernähren zu können. Die von Großbritannien um 1770 ausgehende Industrielle Revolution hat schließlich die Gesellschaft radikal verändert.
Die durch Tradition gekennzeichnete landwirtschaftliche Erzeugung war lange Zeit überaus bescheiden. Etwa 1:3 lautete im Durchschnitt die Relation zwischen eingesetztem Saatgut und dem zu erzielenden Ertrag. In dieser statischen Welt strahlte die Beschränktheit des Wissens und des Könnens eine gewisse Sicherheit aus. Was ein alter und erfahrener Bauer seinen Nachkommen vermittelte, hatte Bestand.
Weitere agrartechnische und züchterische Fortschritte machten es möglich, dass in den modernen postindustriellen Gesellschaften nur noch ein Bruchteil der Menschen in der Agrarwirtschaft tätig ist. In Österreich ist der Anteil der Land- und Forstwirte an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen von 23% im Jahre 1961 auf 8,6% im Jahr 1985 abgesunken. Nun liegt die Agrarquote nur mehr bei etwa 4%.
Die Globalisierung der Märkte und der größere europäische Markt erfordern jetzt besondere Anstrengungen. Die Osterweiterung der EU um die seit 1989 nicht mehr kommunistischen Nachbarstaaten, die eine weit höhere Agrarquote haben als wir, wird sicherlich noch weitere Herausforderungen bringen. In diesen Staaten wird es einen radikalen Prozess der Landflucht geben, der bei uns bereits in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat.
| Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in der neuesten Ausgabe der "steirischen berichte". |
| Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer ist Vorstand des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. |