Kristina Edlinger-Ploder
Die Erforschung des Alltags

 

Sie gehört zu den jungen Disziplinen der Kulturwissenschaften. Erst vor etwa 30 Jahren haben die Fragen nach dem Wie der Lebensbewältigung von einfachen Menschen Eingang in die akademische Welt gefunden. War über 200 Jahre lang ausschließlich die Herrschaftsgeschichte, also die „große Geschichte“ von Bedeutung, schweifte Ende der siebziger Jahren der Blick auf die „kleinen Geschichten“ des Alltags: Esskultur, ­Kleidung, Wohnen, Arbeiten, Religiosität, Sexualität, Feste feiern und Familien­formen sind seither unerschöpfliche ­Quellen für Geschichtswissenschaften, Volkskunde und Soziologie.

Die treibenden Kräfte hinter diesem Paradigmenwechsel waren die allgemeine Demokratisierung im Wissenschaftsbetrieb und dabei vor allem die feministischen Theorien. Die Herrschaftsgeschichte räumte Frauen bestenfalls einen marginalen Platz ein. Es gab wohl diese und jene bedeutende Kaiserin oder Fürstin, aber der tragenden Rolle von Frauen in der Lebenserhaltung und -bewältigung, in der Tradierung von Kultur und Wissen, als Mütter, Töchter, Schwestern und Ehefrauen wird erst Rechnung getragen, seit der wissenschaftliche Feminismus diese Perspektive eröffnet hat.

„Frauenalltag“ ist nicht nur aus historischer Sicht ein weites Feld. Die Erforschung der Alltagskultur(en) der Gegenwart gewinnt immer mehr an Bedeutung, vor allem dort, wo sich die Wissenschaft nicht ihrer gesellschaftspolitischen Rolle entzieht: es gilt, Lebensbedingungen, Erwartungshaltungen, geschlechtsspezifische Einstellungen zu analysieren, damit sich das Bild unserer Gesellschaft schärft und politisch gehandelt werden kann.

Wo liegen die Hindernisse auf dem Weg zum Glück? Die Politik kann das persönliche Glück nicht versprechen. Jeder einzelne Mensch muss sich in unserer höchst diversifizierten und individualisierten Gesellschaft zurechtfinden. Für manche bedeutet das Freiheit, andere wiederum kommen mit der großen Vielfalt der Möglichkeiten nur schwer zu Rande und betrachten sich selbst als gescheitert, wenn der eine oder andere Lebenstraum nicht erreicht wird. Die Politik hat die Aufgabe, allgemeine Probleme, Ungerechtigkeiten, potenzielle Hürden und Fallen zu erkennen und zu entschärfen. Wissenschaft darf nie Handlanger der Politik sein, aber sie kann und soll wertvolle Erkenntnisse liefern, auf die jeder politische Fortschritt letztendlich angewiesen ist.

 

Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise)