Hannes Androsch
Salz – die weiße Seele des Ausseerlandes
 

Viel gerühmt ist diese Landschaft mit ihren Bergen und Seen, mit ihren Narzissenwiesen und Wäldern. Wortreich wussten Poeten ihre Reize zu schildern, farbenprächtig erstrahlt sie auf ihren zahllosen von Malern oder Fotografen gefertigten Abbildern. Doch die meisten dieser künstlerischen Lobeshymnen, welche die Reize des Ausseerlandes preisen, beziehen sich auf die Oberfläche. Das tiefste Innerste, das einst Schicksal und Geschichte dieser Landschaft formte, bleibt nur allzu oft unbeachtet. Dennoch zählt es zu der Einzigartigkeit des Ausseerlandes, dass gerade hier ein berauschend schönes Landschaftsantlitz in seiner Tiefe eine mindestens ebenso prachtvolle, ja sogar kostbare Seele birgt: das Salz. So eng ist das Salz dem Leben selbst verbunden, dass es in der Geschichte der Menschheit nicht nur eine physiologische, sondern seit alters her auch eine psychologische Komponente aufweist: Das Wissen, dass kein Organismus ohne Salz existieren könnte, fand im Laufe der Jahrtausende überall, wo Menschen lebten, seinen kulturellen Ausdruck.
Salz begegnet in Mythen und Bräuchen, Salz ist allerorts mit den universellen Bedürfnissen von Nahrung, von Fruchtbarkeit, von Reinheit und Dauerhaftigkeit verknüpft. Das Handelsgut Salz begleitet die frühen Hochkulturen und steht am Anbeginn von so manchem wirtschaftlichen Aufschwung. Salz ist die Substanz des Lebens und die Seele der Kultur.
In der Tiefe der Zeit und in der Tiefe seiner Berge hütet auch das Ausseerland die archetypische Kraft des Salzes. Siedlungsgeschichte, technischer Fortschritt, gesellschaftliche Blüte – all dies wäre ohne Salz nicht möglich, manch bezeichnende Ausprägung von Kultur und Mentalität kaum denkbar gewesen. „Nihil utilius sole et sale“ – nichts sei nützlicher als Sonne und Salz, konstatierte einst der gelehrte Isidor von Sevilla. Mit der bedeutsamen Ergänzung um den Faktor Wasser behält das weise Diktum, selbst unter touristischer Perspektive, für das heutige Ausseerland seine Gültigkeit.

Die Spitalskirche in Bad Aussee wurde von den „Salinen“ vorbildlich renoviert.
Foto: Max Mayr

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