| Es gab ein altes, kleines, unscheinbares
Haus in der Keplerstraße. Dort kam meine Mutter 1890 zur Welt. Sie
war zwei Jahre alt, als ihre Mutter starb, mit acht Jahren verlor sie
auch den Vater und war Vollwaise. Eine Tante zog sie auf. Es erwartete
sie ein Schicksal, wie es für ihre Generation typisch war.
Mein Vater, selber uneheliches Kind einer böhmischen Schneiderin,
kam auch in Graz zur Welt. Er arbeitete sich bis zum Papieringenieur hoch,
war bei einer deutschen Firma im Rußland der Zaren in Stellung,
zuerst in Riga, dann in St. Petersburg. Dorthin sollte meine Mutter 1914
zur Hochzeit fahren, aber da brach der Große Krieg aus. Mein Vater
wurde interniert. Meine Mutter erlebte den Krieg in Graz, mein Vater als
Gefangener im Ural. Sie hielten einander die Treue, bis er nach vier Jahren
geschwächt zurückkehrte. Sie heirateten. Die permanente Wirtschaftskrise
im zerstörten Mitteleuropa holte das Ehepaar ein. Mein Vater arbeitete
in der neuen Tschechoslowakei, dort kam mein Bruder zur Welt. Dann gab
es wieder Stellensuche und neue Arbeit im verarmten Österreich. Zehn
Jahre waren meine Eltern verheiratet, als mein Vater an den Folgen eines
Kriegsleidens starb. Sieben Monate nach seinem Tod kam ich zur Welt.
Der Vater war 44 Jahre alt geworden. Seine Arbeitszeiten in Österreich,
in der Tschechei, ganz zu schweigen von Rußland, inzwischen zur
Sowjetunion geworden, waren viel zu kurz für irgend eine Witwenpension.
So stand meine Mutter mit zwei Kindern da, ohne Rente, ohne Vermögen,
ohne reiche Verwandte. Sie mußte zusehen, wie sie allein mit dem
Leben fertig wurde.
Mit ihrer Hände Arbeit brachte sie uns durch. Ich sehe sie vor mir,
über ihre Schneiderei gebeugt, am Abend beim sparsamen Licht einer
spärlichen Glühbirne in der schlecht geheizten Mansardenwohnung.
Als Kind bekam ich mit, daß irgendwann in den schlechten dreißiger
Jahren ein Rentenabkommen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei
abgeschlossen wurde und damit eine bescheidene Finanzhilfe ins Haus kam.
Ich erinnere mich aber auch, daß ich bald darauf mitbekam, daß
die Tschechenkrone „abgewertet“ wurde. Ich konnte nicht verstehen,
was das bedeutete. Ich ahnte nur, daß es etwas Böses war, denn
zum ersten Mal sah ich damals bewußt als Kind meine Mutter weinen.
Auf den Straßen sah man rundum bettelnde Männer stehen oder
sitzen, Arbeitslose, Kriegsinvalide mit weggeschossenen Gliedmaßen.
Sie kamen in die Häuser bis vor die Tür. Ich erinnere mich an
einen Halbblinden, der sich in die Hinterhöfe mühte und auf
einem Grammofon mit Kurbelantrieb ein paar zerkratzte Schallplatten krächzen
ließ in der Hoffnung auf ein paar Groschen, die man ihm aus den
Fenstern hinunterwarf. In unserem Viertel, in dem mehr Arbeiter als sogenannte
Bürgerliche wohnten, sah ich mit meinen etwas mehr als acht Jahren
im März 1938 die Hakenkreuzfahnen von Häusern und Fenstern wehen.
Ich erlebte mit kindlicher Neugierde eine ungeheure Bewegung unter den
Erwachsenen, von der ich nichts verstehen konnte, wohl aber erfaßte
mich eine Stimmung der Hoffnung, daß jetzt ein besseres Leben beginnen
könnte. Von irgend welchen Übergriffen und Brutalitäten
war nichts zu sehen und zu hören. Es herrschte Aufbruch. Wenn heute
über diese Phase mit Erkenntnis dessen, was viel später passierte,
gesprochen wird, wird meistens verschwiegen, daß es einer großen
Zahl sogenannter kleiner Leute miserabel ging und für sie Aussicht
auf Besserung aufkeimte. Es wird noch lange dauern, bis man über
dieses Geschehen ohne einseitige Leidenschaften wird sprechen und forschen
können.
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Die Eltern des Jubilars, Stanislaus und Christine
Jungwirth. Der Vater starb sieben Monate vor der Geburt von Kurt Jungwirth
an den Folgen des Ersten Weltkrieges. Die Mutter hat unter schwersten
Bedingungen die beiden Söhne großgezogen.
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