Kurt Jungwirth
Zeitgeist unter der Lupe

 

Nietzsche proklamierte den Tod Gottes und prophezeite zugleich für Europa 200 Jahre Nihilismus, Herrschaft des Nichts. Hundert Jahre haben wir davon glücklich hinter uns. Stalinismus und Nationalsozialismus haben sich gründlich an diese Prophezeiung gehalten und in vielen Köpfen Gott abgeschafft. Am Beginn der zweiten hundert Jahre ist die nächste Welle im sogenannten Westen mit Macht unterwegs. Ihr Träger ist ein wildgewordener Kapitalismus. Das Wort Neoliberalismus sollte man dafür nicht verwenden, denn in „liberal“ steckt der kostbare Begriff Freiheit, und von Freiheit kann in diesem neumodernen System nicht die Rede sein. Es ist von Gesellschaftsschichtungen gekennzeichnet, die an mittelalterliche Feudalherrschaft in Europa erinnern. Eine dünne Schichte mächtiger Feudalherren steht wie damals über ihren treu ergebenen Vasallen, die an dieser Macht partizipieren und die große Masse der neuen Leibeigenen unter Kontrolle halten.
Die neue Feudalschichte, internationale Hochfinanz unter starker amerikanischer Dominanz, benützt Politik für ihre Ziele, in erster Linie die Führung der USA. Es ist ein Drama für die ganze Welt, daß dort eine unintelligente Figur am Ruder ist. Es ist unfaßbar, daß nach allen schrecklichen Erfahrungen mit Gewalt in der Geschichte dieser Mann bewußt im Irak einen Ölkrieg entfesselt hat, der genau bekannte Szenarien wiederholt. Krieg weckt das Biest in Menschen, und zwar auf allen Seiten, macht Soldaten zu Soldateska, quält und tötet Unschuldige, vernichtet Häuser und Seelen. Dazu halten die Wahnwitzigen in Washington sich an keine internationalen Spielregeln. Hitler war ehrlich genug, aus dem Völkerbund auszutreten, um seine Kriege allein vorzubereiten. Die USA sind zynisch genug, in der UNO zu verbleiben, um sie von innen zu blockieren. Das ganze Geschehen ist leider eng mit Israel verflochten. Solange dort die politische Führung mit Palästinensern so umgeht wie einst Nazis mit Juden, wird ihre böse Politik ebenso böse Reaktionen von Terroristen auslösen, an denen wiederum jederzeit Unschuldige zugrunde gehen können.
Vor dem amerikanischen Überfall auf den Irak hat es Warner gegeben. Zu den glaubwürdigsten gehörte der Papst. Geradezu verzweifelt versuchte er Bush einzubremsen. Vergeblich. Es zeigte sich die Ohnmacht des alten Mannes in Rom, den manche sich noch immer als Machthaber vorstellen.
Warum ist das Echo auf Kirche (in diesem Fall katholische) so schwach geworden? Es ist ja bezeichnend, wie Kirche und mit ihr Religion nicht nur bei uns in der Öffentlichkeit behandelt wird. Grundsätzlich wird sie totgeschwiegen. Nur wenn es eine Gelegenheit gibt, ihr einen Tritt zu versetzen, wird diese sofort weidlich ausgenützt. Es gibt dafür verschiedene Gründe. Drei davon sollen hier erwähnt werden.

Entschuldigung aktueller Machtträger gefordert

In lange vergangenen Zeiten hatte die Kirche eine dominierende politische Position, die wie jede Macht zu Mißbrauch mit bösen Folgen führen konnte. Von Hexenprozessen bis zu allen möglichen Ketzerverfolgungen ließ sich eine damals triumphierende Kirche hinreißen. Marxisten und Faschisten haben in ihrer antikirchlichen Propaganda damit fleißig gearbeitet. Der heutige sogenannte Zeitgeist – also der Durchschnitt der gerade gängigen vorgefaßten Meinungen – tut ein Gleiches. Für Fehlleistungen der Kirche, die Jahrhunderte zurückliegen, haben sich inzwischen Kirchenführer, insbesondere der jetzige Papst, wiederholt ausführlich und vor der Weltöffentlichkeit entschuldigt. Solche Entschuldigungen können nichts ungeschehen machen, setzen aber Zeichen für neuen Anfang. Die katholischen Entschuldigungen reichen nunmehr. Fortgesetzte Selbstgeißelungen sind nicht notwendig. Dafür ist aber jetzt eine ganze Reihe von Machtträgern am Zuge, sich für wesentlich aktuellere Untaten zu entschuldigen. Lassen wir einmal bis dahin Kirche in Ruhe.

Im Verlag für Sammler hat Uta Gratzl die „Gedankengänge“ von Kurt Jungwirth herausgegeben. Eine Fundgrube für Zeitgenossen, die der Zeit auf der Spur bleiben wollen. Bewegend ist das Protokoll über den Verkehrsunfall am 24. Oktober 1986. Ein Geisterfahrer hatte mit seinem Pkw das Auto gerammt, in dem Jungwirth saß. Sein Chauffeur Josef Weber und er wurden verletzt. Der Zusammenstoß forderte zwei Tote und zwei Schwerverletzte im anderen Auto.

Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise)