| Viktor Herbert Pöttler
wird am 21. Dezember 80 Jahre. Wer dem Herrn mit dem schlohweißen
Gelehrtenkopf begegnet, wird ihn für nicht ganz jung halten, aber
sein wahres Alter nicht erraten, so wach ist der Geist voller Wissen über
Mensch und Leben, der den Jubilar beseelt.
In den zwanziger Jahren in das zur kleinen Republik geschrumpfte Österreich
hineingeboren, gehört Pöttler einer Generation an, die in materieller
Enge und Bescheidenheit aufwachsen mußte. Viel Fleiß und Selbstdisziplin
waren notwendige Tugenden, um irgendwie ins Leben hineinzufinden. Sie
reichten aber auch nicht, als die jungen Leute in ihren frühesten
Jahren in den Feuerofen des Krieges getrieben wurden. So auch Pöttler.
Er hatte das Glück zu überleben.
Pöttler hatte die gute alte Lehrerbildungsanstalt absolviert und
studierte nach dem Krieg an der Grazer Universität weiter. Er hörte
Germanistik, Volkskunde, Geschichte, Philosophie, ein gutes Fächerbündel.
Wenn einer das Wissen zu sieben verstand, das er dort erfuhr, konnte er
tiefe Einsichten in Mensch und Gesellschaft gewinnen. Prägend für
Pöttler war die Begegnung mit Viktor von Geramb, dem großen
Mentor der Volkskunde. Er beendete sein Studium summa cum laude. Nach
einem Abstecher zu Dienstleistungen in Tirol in die Heimat zurückgekehrt,
wurde er über die Lehrerausbildung in St. Martin als Volksbildner
tätig.
In Graz gab es seit langem Pläne für ein Freilichtmuseum. Es
sollte nach dem Vorbild des Skansen in Stockholm im Leechwald erstehen
oder am Fuß des Schloßbergs oder im Rosenhain. Alle guten
Absichten scheiterten in den politisch und wirtschaftlich turbulenten
Zeitläuften. Erst um 1960 kam es zu einer glücklichen Konstellation
von fördernden Persönlichkeiten. Landeshauptmann Krainer, Landeskulturreferent
Koren und Unterrichtsminister Drimmel unterzeichneten 1962 das Abkommen
über die Gründung des Österreichischen Freilichtmuseums
in Stübing. Pöttler, der schon Vorarbeiten geleistet hatte,
wurde mit Aufbau und schließlich Leitung betraut. 1970 eröffnete
Bundespräsident Jonas die Anlage mit den ersten 32 Objekten.
Für Pöttler wurde Stübing zur Lebensaufgabe. Der Gelehrte
konnte und kann alles: Aus profunder wissenschaftlicher Kenntnis verstand
er es, interessante Objekte in ganz Österreich aufzuspüren,
ihre Übertragung nach Stübing zu verhandeln, ihre Aufstellung
zu leiten und dabei, wo nötig, selber Hand anzulegen, Finanzierungen
zu sichern, in zahlreichen Publikationen nicht bloß Stübing,
sondern Volkskultur in Wort und Bild einem Publikum nahezubringen, das
er auch gerne persönlich durch das wunderschöne Tal in Stübing
führte.
Pöttlers Stärke ist die umfassende, ganzheitliche Sicht von
Problemen. Seine Kenntnis von alten Bauweisen schärfte seine Sinne
für Architektur im weiten Sinne, für Haus und Siedlung und ihre
Bewohner. So wurde ihm auch die Leitung der Steirischen Ortsbildkommission
anvertraut, der er 25 Jahre angehörte. Pöttler war dort ganz
im Sinne des guten Goethe tätig, den er so zitierte: „Fehler
kann man begehen, nur bauen darf man sie nicht. Kein Beichtvater kann
von Bausünden absolvieren.“
Unvorstellbar, was der Geheimrat aus Weimar heutzutage sagen würde!
Stübing ist das einzige
gesamtösterreichische Freilichtmuseum. Alle anderen Anlagen dieser
Art haben nur lokale, bestenfalls regionale Bedeutung. Es ist ein Ort
des Respekts für Leben und Leistungen vieler sogenannter kleiner
Leute, des Volks in bäuerlicher Welt in vergangener Zeit. Es ist
damit auch ein Werk gegen Oberflächlichkeit und Vergeßlichkeit,
zwei Krankheiten, denen der gehetzte städtische Mensch von heute
so leicht erliegt. Zu Recht wurde der Jubilar für sein Lebenswerk
mit Auszeichnungen und Preisen vielfach geehrt. Dem großen Pionier
gelten alle guten Wünsche.
|
|
| Die vollständige Fassung dieses Artikels
finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise)
|
|