Eröffnungsrede von Präsident Prof. Kurt Jungwirth
Immer mit dem Blick nach vorn

 

Der „steirische herbst“ eröffnet sich heute in dieser Halle zum ersten Mal, und nicht zum ersten Mal. Er hat hier im Jahr 2000 begonnen, als dieses Haus noch abbruchreif dastand. Inzwischen ist aus einer Industrieruine ein großartiges Werk gelungen, für diese Stadt und dieses Land von hoher Bedeutung. Der traditionsreiche Konzertsaal in der Stadtmitte, der Stefaniensaal, feiert in Kürze seinen 100. Geburtstag. In den vergangenen 100 Jahren hat sich in der Musik einiges getan. Musik braucht neue Räume, neue Räume schaffen neue Musik und nicht nur Musik, alle möglichen Facetten von Kultur blühen auf, wenn ihnen Platz geschaffen wird.
Der Bau dieses Hauses war ein Wettrennen gegen die Uhr, musste doch schon im Jänner 2003 Beat Furrers „Begehren“, für den „steirischen herbst“ kreiert, hier zum ersten Mal szenisch über die Bühne gehen. Ein großes künstlerisches Ereignis, Auftakt zum Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt, von 55 internationalen Kritikern in der „Opernwelt“ zur Uraufführung des Jahres gewählt. Für die Bauphase war das Zusammenwirken von öffentlichen und privaten Kräften ebenso schwierig wie erfolgreich. Die Energien, die speziell Intendant Peter Oswald und Brigitte Bidovec mit ihrem Team in das Projekt investiert haben, waren unglaublich hoch. Für den Ganzjahresbetrieb kann der „steirische herbst“ allerdings unter den Aufgaben und Voraussetzungen, die er hat, nicht sorgen. Entkoppelung ist notwendig. Das Haus ist wohlgelungen und wird im Rückblick gesehen den Potenzialen dieser Stadt und dieses Landes neue Schubkraft verleihen.
Die Statistik des heurigen Jahres sagt, dass 215 Veranstaltungen an 77 Plätzen und Orten in Graz und in der Steiermark über die Bühne gehen werden. Zahlen sind heutzutage sehr beliebt, es gibt nichts, was nicht gezählt würde. Dem „steirischen herbst“ sind aber auch Themen und Inhalte wichtig. Er hat nie irgendwelche Jubiläen gefeiert, er hat auch nie wirklich versucht, seine junge Geschichte zu schreiben, dafür war kein Geld da, keine Zeit, wohl auch kein Bedürfnis. Seine Programmmacher schauten und schauen ja immer nach vorne, von ein paar aktuellen Retrospektiven abgesehen. So sei heute daran erinnert, dass in seinen Anfängen seine Anhänger darüber klagten, dass sich ein Monat lang allerhand tue an heftiger Modernität, aber das übrige Jahr kultureller Tiefschlaf herrsche. Einige meinten sogar, der „steirische herbst“ sei als Alibiveranstaltung geplant: Einen Monat dürft ihr böse Buben spielen, dann müsst ihr wieder bis zum nächsten Jahr brav sein. Ein ungerechter Vorwurf. Wenn es diesen zynischen Plan gegeben hätte, dann wäre er kläglich gescheitert. Denn inzwischen ist es längst keineswegs unanständig, hierzulande im ganzen übrigen Jahr auch zu experimentieren, sogar im ehrwürdigen Opernhaus, und dort nicht nur bei „Fidelio“. Diese Stadt und dieses Land sind vital. Wenn es einst hieß, hier ist nichts los, hieß es später, warum ist nicht mehr los? Und heute seufzen gar nicht so wenige, es ist zu viel los.

Nicht austauschbar

Die Flut der Ereignisse sagt allerdings noch nichts über ihre Qualität aus. Dass mit ihr auch das Gespenst der Beliebigkeit über die Lande gezogen ist, der gefährlichste Feind für so ein Festival und auch für Kulturarbeit, Kulturpolitik im Allgemeinen, ist offensichtlich. Beliebigkeit heißt im Letzten, alles ist nichts und nichts ist alles. Das bedeutet auch, was die einen zur begeisterten Ekstase bringt, langweilt andere tödlich und umgekehrt. Für Programmmacher im „steirischen herbst“ ist das eine gewaltige Hürde, der sie sich stellen müssen. Das Festival will unaustauschbar sein und ich behaupte, es ist jedes Jahr von neuem nicht austauschbar. Es ist nicht in Versuchung geraten, wie so viele andere, ein bloßes Einkaufsfestival zu werden. Dazu hätte es ohnehin nie genug Geld gehabt. Es produziert selbst Internationalität. Gerade Peter Oswald hat in dieser Richtung Enormes geleistet.

Internationale Vernetzung

Ich hatte an dieser Stelle vor, über Vernetzungen des „steirischen herbstes“ in Oswalds Zeit zu sprechen im ganzen Sprachraum und von Moskau bis Philadelphia, von Paris bis Sofia, auch über Händl Klaus, der über den „steirischen herbst“ Nachwuchsautor des Jahres 2003 geworden ist. Aber heute ist die Nachricht eingetroffen, Elfriede Jelinek erhält den Literaturnobelpreis. Auch sie war 2002 und 2003 (über „Lost Highway“ mit Olga Neuwirth) bei uns im Programm. Ich erinnere mich an das Jahr 1987, als ich ihr den Steirischen Literaturpreis überreichte. Sie fand damals in einem ganz persönlichen Gespräch auch sehr freundliche Worte für Graz, für seine Literatur und für seine Altstadt.

Friedensarbeit an der Grenze

Die Internationalität gelang und gelingt oft im Zusammenwirken mit den großen und kostbaren Häusern in dieser Stadt. Unaustauschbar aber ist der „herbst“ auch durch die so genannte lokale und regionale Szene, die oft selbst interessante Netzwerke einbringt. Sie ist für das Festival unersetzlicher Partner. Was für die Landeshauptstadt gilt, gilt erst recht für die so genannte Provinz. Auch die 700- Einwohner-Gemeinde Rachau bei Knittelfeld ist zum Beispiel dieses Jahr bei uns im Programm. Und ich nenne mit voller Absicht das Pavel-Haus in Laafeld bei Bad Radkersburg. Dort wird an einer in der Vergangenheit von Schmerzen geplagten Grenze Friedensarbeit geleistet. Ich meine, das ist hoch zu schätzen in dieser Zukunfts region, in der sich die Steiermark mit Nachbarn positioniert. Ein erweitertes Trigonfeld bietet sich quasi von selber an.

 

 

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