| Ernst Trost Das Exil, das zur Heimat wurde |
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| Mit 18 hatte Josef Krainer senior bereits die Ortsgruppe Kobenz des Verbandes der Christlichen Landund Forstarbeiter gegründet, 1924, erst 21-jährig, war er Landesobmann. Um sich dank einer geregelteren Arbeitszeit mehr der Politik widmen zu können, war Krainer inzwischen Forstarbeiter, also Holzknecht geworden. Krainer verwendete jede freie Minute zur gezielten Lektüre, um aufzuholen, was ihm an Schulbildung fehlte. Er wurde auf Kurse geschickt, erste Auslandserfahrungen sammelte er in der Schweiz. Graz – Elisabethinergasse 21 1927 entschloss sich Josef Krainer, die Laufbahn des Berufspolitikers einzuschlagen. Der 24-Jährige trat im Herbst seine Stelle als Landessekretär des Christlichen Landarbeiterverbands an. Ein Jahr danach heiratete er ein Kobenzer Bauernmädchen, das er schon in der Schulzeit verehrt hatte – Josefa Sonnleitner. Erst 1930 konnte das Ehepaar in die Landeshauptstadt übersiedeln, da war die Tochter Anna schon geboren. Die junge Familie bezog im Hinterhof des Hauses der Christlichen Gewerkschaften in der Elisabethinergasse 21 eine bescheidene Wohnung. Dort ist am 26. August 1930 der erste Sohn zur Welt gekommen. Er wurde nach dem Namenspatron beider Eltern, Josef getauft. Verhaftung am 12. März 1938 „Es war in aller Früh. Wir haben noch geschlafen, da hörten wir Lärm auf der Straße, der Vater ist auf den Balkon hinaus und dann wurde wild an die Tür geschlagen, und schon standen ein paar Uniformierte in der Wohnung.“ Der 12. März 1938, der Tag, an dem sie den Vater abgeholt haben, hat sich dem Sohn ins Gedächtnis gegraben. Das Kommando stellte die Wohnung auf den Kopf, Krainer wurde mit barschen Worten aufgefordert mitzukommen, die Kinder Anni, Pep und der dreijährige Fritz klammerten sich an ihn, wollten ihn nicht gehen lassen. Krainer wurde in einen Lkw zu anderen Verhafteten geschoben und ins Paulustor, dem Grazer Polizeigefängnis gebracht. Während Spitzenleute wie Landeshauptmann Karl Maria Stepan und der Landesleiter der Vaterländischen Front, Alfons Gorbach, mit dem ersten Transport am 1. April 1938 ins Konzentrationslager Dachau geschafft wurden, kam Krainer nach etwa drei Wochen Haft wieder frei – aus Anlass des mit hysterischem Jubel gefeierten Hitler-Besuchs in Graz. Der Berufspolitiker Josef Krainer war über Nacht arbeitslos. Die Wohnung in der Mariengasse durfte die Familie behalten, das Grundstück und der Neubau am Fritz-Pregl-Weg wurden jedoch beschlagnahmt, in das Haus Wehrmachtsoffiziere einquartiert. Arbeit als Holzeinkäufer Das vorrangigste Problem für Josef Krainer war es, die Familie zu ernähren und eine neue Berufsbasis zu finden. Außer von der Politik verstand er viel vom Holz. Daher nahm ihn ein Freund und Gesinnungsgenosse, der Baumeister Anton Bauer, als Holzeinkäufer in seinem Betrieb auf. Bauer verdankten die Krainer auch eine neue Heimat. Er bot ihnen ein kleines Anwesen mit Ziegelei im weststeirischen Gasselsdorf an. Nur am Ziegelwerk wollte er eine Beteiligung behalten. Kurz zuvor war der Hof der Schwiegermutter Anna Sonnleitner, in Kobenz wegen einer Straßenerweiterung enteignet worden. Mit der Entschädigung und einigen Ersparnissen konnte sich die Familie den Kauf leisten. Spricht man heute mit Josef Krainer junior und seinen Geschwistern, erscheint das Gasselsdorfer „Exil“ in verklärtem Licht, als ob sie dort eine schwere Zeit einigermaßen unbeschwert überdauert hätten. Und da dürfte auch etwas dran sein. Nie zuvor oder nachher haben sie ihren Vater häufiger gesehen, konnte er sich seinen Kindern mehr widmen als in Gasselsdorf. Nicht zuletzt deshalb empfanden sie diese von höheren Gewalten erzwungene „Auswanderung aus Graz“ keineswegs als eine Verbannung. Tochter Anni meint rückblickend: „Es war für uns eine wunderbare Lösung. Wir Kinder empfanden diese Freiheit am Land als großartig und hatten keine Sehnsucht nach der Stadt. Die Landwirtschaft hat uns wirklich Freude gemacht. Wenn Not am Mann war, halfen Pep und seine Geschwister auch in der Ziegelei aus.“ Zu Bauern geworden Wer sich später fragte, welche Voraus setzungen der Universitätsassistent und Jurist Josef Krainer für das Amt des Bauernbunddirektors und eines Agrarlandesrats mitbrachte, der musste die Antwort in Gasselsdorf suchen. Hier sind die Krainer wieder zu Bauern geworden, auf einer winzigen Wirtschaft, die sich kaum Hof nennen durfte. Als Bäuerin schaltete und waltete die Mutter, die Kinder packten überall kräftig mit an. Als nach dem Krieg das neue Haus und ein größerer Stall errichtet wurden, spielte Josef Krainer junior praktisch den Bau leiter. „Da war der Pep ganz in seinem Element, der konnte die Leute so an spornen und begeistern, dass alles zügig voranging“, sagt sein Bruder Heinz. Sprechtag in Gasselsdorf Obwohl Pep noch keine klaren Berufsziele hatte, erhielt er vom Vater,
vor allem in Gasselsdorf Anschauungsunterricht in Menschen naher Politpraxis.
Der Vater war vom Wahlkreis West und Untersteiermark in den Landtag gewählt
worden. Die Wochenenden verbrachte er daheim, am Samstagabend hörte
er bereits an seinem Stammtisch im Gasthof Brand im benachbarten Gleinstätten
geduldig an, was die Bauern so alles drückte, und am Montag früh
stand die Tür für jedermann offen. An den legendären Sprechtagen
des Landeshauptmanns drängten sich die Leute in Gasselsdorf vor dem
Haus, sie luden bei Krainer alles ab, was sie auf der Seele hatten, ob
das nun der Streit um einen Grenzstein war oder ob einer Schwierigkeiten
mit der Frau hatte – der Landesvater als Beichthörer, Friedensrichter
und Ombudsmann oder gar als omnipotenter Deus ex machina. |
Der Journalist
und Schriftsteller Ernst Trost hat mehrere seiner Bücher und TVDokumentationen
bedeutenden Politikern gewidmet. Zum Beispiel „Figl in Österreich“,
„Franz Joseph I.“, „Julis Raab“, „Theodor
Körner“, „Anton Benya“, „Eduard Wallnöfer“,
„Karl Gruber“, „Rudolf Kirch schläger“ und
„Josef Krainer II.“.
Ein Dokument aus der „alten Agrargesellschaft“. |
Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise) |