Wolfgang Mantl
Politik im Wandel der Zweiten Republik
 

Aus dem fundierten Werk „Die Landeshauptleute der Steiermark“, Herausgeber A. Ableitinger, H. Hösele, W. Mantl, Styria-Verlag.

Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist Österreich in eine Randlage gedrängt, die immer wieder die Vitalisierung der Peripherie durch menschliche Leistung, nicht zuletzt auch durch politische Aktivität notwendig macht. Es ist geradezu eine Drei-Zonen-Teilung zu befürchten: eine schon seit den fünfziger Jahren nach Westen orientierte und wirtschaftlich prosperierende Alpenzone, dann ein um Wien gelagertes, seit dem Zeitenbruch der Erosion des Kommunismus aufholendes Donau-Österreich und schließlich südlich des Alpenhauptkammes jener Bereich, in dem sich die Erwartungen der Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht erfüllt haben: Kärnten, Steiermark und Südburgenland.

Drei große W gegen drei kleine S

Die drei großen „W“ Wien, Westbahn und Westautobahn waren allemal wichtiger als die drei kleinen „S“ Südbahn, Semmeringtunnel und Südautobahn. Solange der südslawische Raum nicht befriedet ist, kann es nur mühsam zur Entfaltung aller wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Potenziale der Steiermark kommen.
Österreich selbst befindet sich in einer sehr starken Transformation: Die politische Struktur hat sich deutlich geändert, es ist geradezu von einer steigenden Fieberkurve der Politik zu sprechen, die durch einen Wertewandel in Richtung auf Säkularisierung, Individualisierung, Pluralisierung und Medialisierung gesteigert wird und zu einem Schwund gemeinsamer Lebensorientierungen und Alltagsselbstverständlichkeiten führt. Weltweit nehmen Populismus, Nationalismus und Fundamentalismus zu. Ohnmachtsgefühle, Privatismus und Opportunismus bleiben nicht aus. Zynismus wächst auf den Feldern des abgebrannten Vertrauens in die Errungenschaften der Zweiten Republik.

Biotop der Vielfalt

Die Steiermark ist eingebettet in die großen Transformationen der Zeit. Das Land ist – es sei betont – ein „Biotop“ der Vielfalt, landschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Ein Land mit der zweitgrößten Stadt Österreichs als Landeshauptstadt, mit zahlreichen höheren Schulen, fünf Universitäten, mit einer immer noch differenzierten Medienlandschaft und einer reichen Kunstszene, weist es den Typus eines kritischen, dem Pluralismus offenen Landesbürgers auf. Es lässt sich ruhig sagen, dass die Steiermark mit ihrem jahrhundertealten Selbstbewusstsein wohl neben Wien und Tirol die größte Unverwechselbarkeit aufweist.

Verantwortungsethik

Zu all dem trat die bewusste Beheimatung in einer offenen und zugleich tiefen postkonziliaren Katholizität Josef Krainers. Gerade sie befähigte ihn, auch widrige Umstände ohne Kapitulation durchzustehen und zu bewältigen. Es geht hier um eine von religiöser Gesinnung gestützte hoffnungsvolle Verantwortungs ethik, die für seine Generation kenn zeichnend ist – auch für einen Alois Mock, Erhard Busek, Josef Riegler oder Hans Tuppy.

Dichter, Musiker, Filme

In einer attraktiven Wahlbroschüre für die Landtagswahl 1981 findet sich ein Fragebogen, in dem Josef Krainer als Lieblingsmusik Mozart, Bach, Bruckner, Franz Schmidt, echte Volksmusik; als Lieblingsdichter Peter Rosegger, Peter Handke, Alois Hergouth, Ingeborg Bachmann, Christine Lavant, Christine Busta sowie als Lieblingsmaler Herbert Böckl, Alfred Wickenburg und Franz Weiss angibt. Als von ihm geschätzte Tugenden nennt Krainer Treue, Überzeugungskraft, Einfallsreichtum, bei Frauen Mütterlichkeit, Tapferkeit, Liebenswürdigkeit. Die Frage nach jenen historischen Gestalten, mit denen er gerne zu Abend essen würde, führt zu Erzherzog Johann, Andreas Hofer, Prinz Eugen und Mahatma Gandhi. Als denkwürdigste Filme und Theaterstücke blieben Krainer in Erinnerung: „Romeo und Julia“ von Franco Zeffirelli, „Des Teufels General“ mit Oskar Werner und schließlich „Die Frau ohne Schatten“ unter der Stabsführung Karl Böhms. Als Lieblingsgetränk führt Krainer den wohl bekanntesten steirischen Wein, den Welschriesling, und als Lieblingsspeise Rindfleisch mit Semmelkren, Apfelstrudel an.

Staatsoberhaupt des Bundeslandes

Jenseits jeder Dämonisierung und Mythologisierung ist der Landeshauptmann nach dem Konzept der Bundesverfassung mit reichen Kompetenzen und Aufgaben ausgestattet. Der Vizepräsident des Verwaltungsgerichtshofes, Wolfgang Pesendorfer, hat in seiner Linzer Habilitationsschrift umfassend Auskunft darüber gegeben: Der Landeshauptmann ist Staatsoberhaupt der Gebietskörperschaft Bundesland in ihrer Staatlichkeit. Im Artikel 105 (1) erster Satz B-VG heißt es: „Der Landeshauptmann vertritt das Land.“


Das Ehepaar Krainer hat 30 Jahre lang in Völs am Schlern, Südtirol, Urlaub gemacht. Dort trafen sie oft mit Landeshauptmann Silvius Magnago und dessen Gattin Sophia zusammen. Der Südtiroler Landeschef Magnago war weitum ein gefragter Redner, wiederholt bedankte er sich für die Unter stützung, die seinem bedrängten Land von der Steiermark gewährt wurde.
Foto: Krainer Archiv

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