Utopie Gesundheit
Kurt Jungwirth |
Ein Gang durch die Landesausstellung 2006 in Bruck an der Mur erinnert an geistige Wurzeln, die zum Thema Gesundheit in einer der großen Steirischen Akademien der siebziger und achtziger Jahre gesetzt wurden.
Tatsächlich beschäftigte sich die Steirische Akademie 1977 mit dem Thema „Utopie Gesundheit“. Das war die Zeit, in der zum ersten Mal in Österreich ein mit schwachen Kompetenzen ausgestattetes Gesundheitsministerium unter Maria Leodolter eingerichtet wurde. Der Gedanke, dass Gesundheit und Krankheit im modernen Sozialstaat nicht mehr bloße Privatsache sind, war damals neu. Eigenverantwortung der Patienten, Vorbeugung, Selbsthilfe waren noch fremde Begriffe.
Dieter Cwienk sorgte für die Umsetzung
Die Steirischen Akademien richteten ihre Vorträge und Diskussionen nach zwei Gesichtspunkten aus: hohe allgemeine, abstrakte Fragestellung und praxisbezogene konkrete Realisierung. Eine jeweils nach dem Thema eingeladene Expertengruppe erstattete Vorschläge, Dieter Cwienk übernahm unter meiner Leitung die Umsetzung. Eine Woche lang waren gerammelt volle Hörsäle an der Grazer Uni Schauplätze des Geschehens.
So luden wir den großen Provokateur Ivan Illich ein. Seine These war, dass offizielle Medizin mehr krank mache als heile. Schulmedizin und/oder alternative Medizin wurden heftig diskutiert und damit die Beziehung zwischen Arzt und Kranken, die ideale Vorstellung des Weges vom stummen Patienten zum mitdenkenden, „mündigen“ Patienten.
Patientengerechter Bau von Spitälern
Ganz konkret ging es in Architekturfragen zum ersten Mal intensiv um die Forderungen behinderter Menschen an den Wohnbau und um patientengerechten Spitalsbau. Eine Premiere für Graz war auch das Auftreten von Elisabeth Kuebler-Ross, die über Berichte von Menschen referierte, die aus todesähnlichen Zuständen zum Leben zurückgekehrt waren. Ihre Erfahrungen mit Sterbehilfe waren wichtiger Anstoß für die Entwicklung der Hospizbewegung in der Steiermark.
Hans Strotzka sprach über Psychiatrie in der neuen Leistungsgesellschaft mit ihrem Arbeits- und Freizeitsstress. Er trug wohl zu neuen Überlegungen in der Sozialpsychiatrie rund um das erste Kriseninterventionszentrum am Grazer Griesplatz bei.
Viktor Frankl entwickelte im Einleitungsvortrag auf seine unnachahmliche Weise die Gedanken seiner Logotherapie: Der Mensch braucht irgendeine Sinnerfüllung. Mit ihr überwindet er alle möglichen alten und neuen Süchte. Sie bereichert sein Leben, macht es letztlich lebenswert.
Der dreidimensionale Wohlstandsbauch von Gazi Herzog und die von Dieter Cwienk redigierte Publikation waren ideale Begleiter dieser Akademie. Wie die Landesausstellung 2006 zeigt, stehen heute ihre Themen und Probleme nach wie vor, ja sogar verstärkt, auf unserer Tagesordnung.
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