Kurt Jungwirth
Satirisches zu „Wetten, dass …?“

Niemals hätte ich mir gedacht, dass ich über eine solche Sendung etwas schreibe. Es fügte sich jedoch, dass ich dieser Tage in einer Kuranstalt war und dort leider nur die beiden österreichischen Fernsehprogramme zu sehen sind. Wochenlang hatte schon die Medienlandschaft in Österreich Thomas Gottschalk, dem Göttlichen, entgegenvibriert. So schaltete ich also zu Studienzwecken „Wetten, dass …?“ ein. Ich sah, wie der Mann mit wenig Charme und Esprit durch den Abend quasselte. Hätte er nicht die Gabe der spontanen, witzigen Bemerkung, mit der er manche Situation kommentiert und rettet, müsste man sich fragen, was macht er eigentlich da?

Da waren die Gäste. Arnold Schwarzenegger, zugeschaltet aus Kalifornien, war der Einzige, der in der ganzen Sendung ein freundliches Wort für die Stadt Graz fand.
Die übrigen Gäste gehörten zum Establishment mittelmäßiger Unterhaltung. Ihr Auftreten verschaffte ihnen die Chance zur Eigenwerbung. Einige waren zappelig und tauchten so rasch wie möglich wieder ab. Die Kassa stimmte ja, was sollten sie noch da? Irgendein neues Musical wurde intensiv mit einer Showeinlage beworben. Kurzdiagnose: austauschbar.
Und dann waren da die vier Wettkandidaten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die Aufgaben, die sie sich stellten, mussten sie blind, mit verbundenen Augen lösen.
Da war der junge Mann aus dem Frankenland. Er wollte mit ferngesteuerten Spielzeugautos auf einer Spielzeugautobahn die Rundenzeiten der Boliden auf zwei Zentelsekunden genau erraten.
Ein bedächtiger Älpler versuchte durch Schläge auf einen hohlen Christbaumständer Druckwellen in der Luft zu erzeugen, die eine Reihe Weihnachtskerzen ausblasen sollten.
Und da gab es den Mann von der Ostseeküste, der durch konzentriertes Horchen herausfinden wollte, welche Summe in Banknoten ein aktivierter Bankomat ausspuckte.
Widerständler. Der Vierte aus dem Schwabenland hatte Erfolg. Man sah ihn mit seinen Kühen arbeiten. Er erriet richtig die Namen der Kühe, die er mit Äpfeln zu füttern hatte. Er erkannte sie an ihren schmatzenden Mäulern. Eine Kuh zögerte sichtlich, dabei mit- zumachen. Sie deutete Widerstand an, war aber schließlich doch mit saftigen Äpfeln käuflich. Sie war die originelle Persönlichkeit des ganzen Abends.
Aber es gab noch einen Widerständler. Einer der Gäste, der seine Wette verloren hatte, sollte auf der Bühne sein Hemd ausziehen. Er verweigerte, obwohl im Publikum eine Schar kreischender Mädchen stürmisch verlangte, seine nackte Brust zu sehen. Es handelte sich anscheinend um einen heroischen Anfänger. Seine Konkurrenten und Konkurrentinnen aus dem Showgeschäft hätten bestimmt liebend gerne nicht nur Hemd, sondern Hemd und Hose und noch mehr fallen gelassen, um ihren internationalen Marktwert für Jahre zu sichern.
Graz verstecken. Ich weiß nicht, ob durch diese Sendung ein einziger Tourist mehr als sowieso nach Graz kommt. Die Stadt wurde lieblos erwähnt, nichts von ihr gezeigt. Nur beim Schmarrnkochen musste die Kamera wohl oder übel für Sekunden den Freiheitsplatz mit der Statue in der Mitte zeigen. Leicht wäre es gewesen, wenigstens mit einer Bemerkung vom Kaiserschmarrn auf die Kaiserstatue zu verweisen und vielleicht zu bemerken, dass der Platz Freiheitsplatz heißt, ausgerechnet seitdem in Österreich das Kaisertum abgeschafft wurde. Aber für die TV-Macher wäre selbst ein einziger solcher Satz für diese Sendung zu anspruchsvoll, zu intelligent, zu belastend für das Publikum.
Schmarrn und Pisa. Das Schmarrnkochen von Politikern war der geniale Höhepunkt des Abends, wenn nicht überhaupt des TV-Jahres 2007. Der Ausgang der Stadtwette scheiterte jedoch. Zwei Drittel der aktiven Stadtpolitiker sollten während der Sendung auf dem Platz kochen, das heißt, zwei Drittel von 56 Gemeinderäten und 9 Mitgliedern des Stadtsenats, gerundet 44 Personen. Am Ende vergaßen die pisageschwächten Organisatoren den Stadtsenat und verlangten nur 36 Politköche. Der arme Thomas Gottschalk kannte sich nicht mehr aus und sprach den wahrsten Satz des Abends: „44 oder 36? Is eh wurscht.“
Irgendwann in fernster Vergangenheit soll „Wetten, dass …?“ eine ziemlich brauchbare Sendung gewesen sein.

 

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