| Vom Bildungsweg als Wanderung
Anmerkungen zum Bildungsroman und zu Kompetenzbilanzierungen
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In der Auseinandersetzung mit aktuellen Bildungstrends diagnostizieren Institutionen der allgemeinen Erwachsenenbildung (wie beispielsweise die Volksbildungswerke) einen zunehmenden Bedeutungsverlust der klassischen Bildung, eine Verabschiedung der Idee der Menschenbildung. Als Ursache wird zumeist die verstärkte Ausrichtung der Erwachsenenbildung auf Arbeit und Ökonomie, auf berufliche Qualifikation und Kompetenz genannt.
Die These der folgenden Bemerkungen ist, dass die immer größere Bedeutung des lebenslangen Lernens und die korrespondierende Auseinandersetzung mit Kompetenzbiografien produktive Bezüge auf die Bildungsidee durchaus nahe-legen. Eine solche Anknüpfung bietet die Betrachtung von Bildungswegen als Wanderungen, die im klassischen Bildungsdenken einen großen Stellenwert hatte – und in modernen Bildungsdiskursen sowohl als Schreckensbild als auch als Verheißung auftaucht: vielfältige Bildungswege im Kontext mehrmals wechselnder Phasen der Erwerbs- und der Familienarbeit, der Weiterbildung und des Engagements usw. Ein zentrales Medium für die „alte“ Bildung-als-Wandern-Betrachtung war der Bildungsroman, der üblicherweise die Entwicklungs- und Bildungsgeschichte eines Menschen in der Auseinandersetzung mit der Welt erzählt: Bildung als Selbstbildung mit Weltbezug. Die Geschichte dieser Literaturgattung beginnt mit Christoph Martin Wieland (1733 bis 1813) und seiner „Geschichte des Agathon“ (1766/1767).
Wilhelm Meisters Wanderjahre
Einen Höhepunkt erreicht sie mit den beiden Wilhelm-Meister-Romanen von Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832): mit dem gefeierten Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/1795) und dem wenig beachteten und als unverständlich geltenden Spätwerk „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (1821/1829). Die beiden Werke bilden für die weitere Geschichte der Gattung ein Modell, an das spätere Bildungsromane– zustimmend oder ablehnend – anknüpfen: Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ (1845/1855), Adalbert Stifters „Der Nachsommer“ (1857) usw. – bis zu Thomas Manns „Zauberberg“ (1924) – und darüber hinaus. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zeichnet einen vielfältigen Bildungsweg nach, der zunächst mit sehr individualistischen Orientierungen (Selbstverwirklichung durch Kunst) scheitert und schließlich in zwiespältigen kollektivistischen Orientierungen mündet.
Zu „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ bemerkt die Germanistin Irmgard Wagner: Der Roman „präsentiert die Sicht des Lebens als Reise, nicht allerdings im Sinne der Romantik von Wanderlust getrieben, von der Sehnsucht nach einem wie immer definierten Ziel. Wandern wird hier von außen auferlegt ... als Verpflichtung des Immer-weiter-Gehens über das hinaus, was jeweils als bekannt akzeptiert ist. So ist der Roman ein Reiseführer ins Unbekannte, eine Einführung … in die neue, unaufhörlich sich verändernde und erweiternde Welt, die Goethe im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts um sich her entstehen sah“. Möglicherweise liegt einer der Gründe für die damaligen Vorbehalte gegenüber dem zweiten Meister-Roman darin, dass er bereits auf Lernbedingungen des 21. Jahrhunderts verweist. Bildungsromane beschreiben eine Wanderung, bei der der wünschenswerte und/oder notwendige Stellenwert von Ökonomie und Beruf, von Politik und Kunst, von Familie und Liebe, von Gemeinschaft und Gesellschaft für die Entwicklung von Einzelnen befragt und erprobt werden – in pathetischeren Worten: Wandern im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Schicksal. Die darauf bezogenen Bildungsromane dokumentieren, wie schwierig und wechselvoll das ist – und wie viele Fehlentscheidungen notwendig getroffen werden. Immer geht es dabei darum, sich Aufschluss zu verschaffen über den eigenen Bildungsweg – im Selbstbezug und im Weltbezug ...
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Johann Wolfgang von Goethe im 70. Lebensjahr, gemalt 1828 von Joseph Karl Stieler.

Wilhelm Meisters Wanderjahre:
Titelblatt der Erstausgabe von 1821.

Johann Friedrich Bury:
Johann Wolfgang von Goethe in seinem italienischen Freundeskreis
Bildquellen: wikipedia |
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