„Das Wandern ist des Müllers Lust …“

Wanderlieder entstanden meist in Verbindung mit Handwerksgesellen, die sich auf die Walz begaben und bei Versammlungen oder zum Abschied diese Lieder gesungen haben. Meist war dieses Unterwegssein – das Wandern – geprägt von Verlust, Kälte, Armut und Heimatlosigkeit. Die Walz war eine wirtschaftliche Notwendigkeit und oft die einzige Überlebenschance für viele Handwerker. Andererseits war die Walz quasi eine „Lehrzeit“ für die Handwerker, so heißt es im Lied „Auf, du junger Wandersmann“ in der 3. Strophe: ­„Mancher hinterm Ofen sitzt und gar fein die Ohren spitzt, kein’ Stund fürs Haus ist kommen aus; den soll man als Gsell erkennen oder gar ein Meister nennen, der noch nirgends ist gewest, nur gesessen in sein’m Nest?“
In der Zeit der Romantik kommt der Wanderer, der die Schönheit der Natur sieht und die Reiseerfahrungen in den Mittelpunkt stellt, im Lied vor. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen, in Berg und Tal und Strom und Feld“ (Text: Joseph von Eichendorff).
Ausgehend von der Naturdichtung dieser Zeit wurden viele Lieder vertont und das „Deutsche (Kunst)Lied“ geschaffen. Franz Schubert vertonte einige Texte Joseph von Eichendorffs sowie „Die schöne Müllerin“ von Wilhelm Müller. Eines der bekanntesten Lieder aus diesem Zyklus ist „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Heute ist dieses Lied mit einer einfacheren Melodievariante als das Wanderlied schlechthin zu bezeichnen. Doch auch diese Lieder sind vom Inhalt her nicht immer Wanderlieder, sondern sehr häufig Ständelieder, Abschiedslieder, Soldaten- oder Liebeslieder. Obwohl viele dieser Lieder heute als Volkslieder bezeichnet werden, stammen sie doch meist von Kunstliedern ab. Vielfach haben sich die Melodien volksläufig verändert und vereinfacht, dennoch sind sie immer noch in Hochsprache.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Österreich die Wandervogelbewegung gegründet. Ihr Ziel war die Verbreitung und Pflege des deutschen Volksliedes. Viele der heute in Österreich bekannten Wanderlieder gelangten damals erst in die österreichischen Schulliederbücher und fanden so in Österreich Verbreitung.
Lieder, die beim Wandern gern gesungen werden, sind meist dem Inhalt nach keine Wanderlieder. Man singt gern Almlieder, Liebeslieder, Jägerlieder und Jodler und drückt damit die Lebensfreude, die Freude an der Natur, aus.

Mag. Doris Grassmugg, Steirisches Volksliedarchiv

 

 

 

 

 

Wer recht vom Herzen wandern und singen kann, der ist ein wahrhaft glücklicher Mensch.
(Clemens Brentano, 1778 bis 1842)

Fotos: Steirisches Volksliedarchiv  

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