interview

Der Weg – ein Ursymbol
Die Christen sind auf dem Weg, die Evangelien Reiseberichte


Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari lud Dr. Gertraud Schaller-Pressler und Mag. Gerald Gölles für die „steirischen berichte“ zum Interview in den Bischofgarten.

 

Hochwürdigster Herr Diözesanbischof, Sie bezeichnen sich gerne als „Bergwanderer“. Wohin zieht es Sie bei Ihren Wanderungen?

Zeit für große Bergtouren wie früher auf den Großglockner oder Großvenediger habe ich jetzt kaum noch. Im Sommer gibt es allerdings Gelegenheit zu langen Wanderungen vor allem im Rahmen einer Wallfahrt. Das Jahr über reicht die Zeit nur alle paar Wochen für einen längeren Spaziergang aus: eine Stunde lang in den Wäldern beim Stift Rein oder auf der Bergstraße in Kalkleiten. Das am liebsten allein, weil ich dabei in Ruhe nachdenken oder den Rosenkranz beten kann. Der Dachstein bleibt aber ein Ziel und vielleicht auch der Grimming.

Ihr Leitspruch lautet: Alles ist Euer, Ihr aber gehört Christus.

Der Spruch stammt vom Apostel Paulus und war an die Korinther adressiert. Korinth war eine Weltstadt, ein Umschlagplatz von Waren und Ideen, ein unglaublich reiches Gelände sowohl ökonomisch wie auch geistig kulturell. Paulus wollte den Korinthern sagen, wir wollen euch als Christen nichts Gutes wegnehmen. Aber wer alles oder viel hat und für nichts dankbar ist, der ist in Gefahr, sich selbst zu verlieren, und dann hilft das Viele nicht zum Glück und zum Heil. Der Mensch wird selbstunsicher, egoistisch. Er krümmt sich in sich selber zusammen in einen Kreis der Selbstverschließung.
Um dies zu verhindern, sagt Paulus: „Wenn Ihr Euch aber für Christus öffnet, dann wird alles, was Ihr habt, zu einem gesegneten Besitz.“ Die Welt gehört ja nicht dem Einzelnen, sie ist ein Geschenk, eine Aufgabe an alle. Der Grund, auf dem sie ruht, ist Gott, der sich in Christus erschlossen hat.

Wie wandert ein Bischof im Auftrag Gottes? Was sind Meilensteine auf Ihrem Weg?

Das Wort „Weg“ ist ein Zentralsymbol fast aller Religionen, vor allem der biblischen Religion. Die Menschen in der Bibel sind unterwegs von Gott her und auf Gott hin. Augustinus hat gesagt, ohne Gott gehen wir im Kreis. So verstehe ich mein Leben, unabhängig von geografischen Stationen, zuerst einmal als Weg. Die ­äußeren Wege sind Symbole für die inneren Existenzbewegungen. Um das auch leiblich auszudrücken und bewusster zu erleben, macht man Reisen besonderer Art, am besten zu Fuß, wie etwa bei Wallfahrten. Das ist ein Weggehen von sich selber, um auf Umwegen erst recht tiefer zu sich selbst zu kommen. Eine Wanderung, eine Bewegung unter der Sonne Gottes sozusagen, die dann leichter ist, wenn man zu Orten unterwegs ist, über denen der Himmel nach der Erfahrung vieler Generationen offener war und ist als anderswo. So ein Ort ist zum Beispiel Mariazell.
Das Wort Wallfahrt bedeutete früher nicht, auf Rädern unterwegs zu sein oder zu Pferd, es war keine Kutschenfahrt und auch keine Reise per Eisenbahn – es war ein Fußmarsch. Große Lehrer der katholischen Christenheit waren Reisende, Thomas von Aquin etwa hat in seinen46 Lebensjahren mehrmals halb Europa durchquert. Die großen Lehrer der Christen­heit waren Wanderer durch ­Europa. Noch weiter zurück, auch die großen biblischen Gestalten waren Wanderer. Abraham, Isaak und Jakob – allesamt Pilger des Glaubens. Jesus selber war in den letzten drei Jahren seines Lebens unablässig unterwegs, von Galiläa nach Judäa, nach Samaria und zurück und hin und her. Die Evangelien sind komponiert wie Reiseberichte. Vor allem das Johannes-Evangelium ist von einer Dynamik auf ein Ziel hin geprägt: hinauf nach Jerusalem, hinauf aufs Kreuz und hinauf zum Vater, von dem Jesus ausgegangen ist. Das Auferstehungsereignis ist die endgültige Heimkehr Christi zu seinem Ursprung, zum Vater. Das Johannes-Evangelium hat eine verborgene Architektur, ähnlich der verborgenen Mathematik in der Matthäus-Passion von Johann ­Sebastian Bach. Wenn man diesen verborgenen Bauplan kennt, gewinnt man eine zweite, ungemein bereichernde Bedeutungsebene. Auch die Apostel waren Wanderer. Sie breiteten das Evangelium wie ein „springendes Feuer“ aus bis zu uns – um mit Plato zu sprechen, der die Wahrheit als springendes Feuer bezeichnet hat.

Wie setzt sich das hierzulande fort?

Es ist eine Fortsetzung des christlichen „Dauerauftrages zur Mission“. Das springende Feuer des Evangeliums braucht auch heute Boten, die sich die Füße wund laufen und nicht nur bequem dahin kutschieren oder auf dem Sofa sitzen bleiben und durch Massenmedien kommunizieren. Darauf allein ruht nicht die Verheißung Christi. Bei aller Bedeutung der Massenmedien – man muss sich immer wieder aufmachen, um die Menschen, vor allem die Kranken, konkret und nicht nur akustisch durch die Medien zu berühren.
Ich kenne einen Arzt, den es sehr bekümmert, dass in den Spitälern mehr und mehr verlangt wird, dass das Personal Plastikhandschuhe trägt. Der Patient möchte ja nicht mit Handschuhen von der Krankenschwester berührt werden, er möchte nicht mit Handschuhen gestreichelt werden – wenn überhaupt noch jemand da ist, der streicheln möchte.
Wirkliche Begegnung ist eine Reise zum anderen und zu sich selbst. Es gibt ein schönes Wort von Heidegger. Es lautet ungefähr: „Der Weg zum Grunde ist zwar der kürzeste, aber allemal der am seltensten, weil am schwersten begangene ...“. Der Weg zu sich selber kann auch ein Weg zu Gott sein. Es gibt sehr viele Ausreden, um nicht zum Grunde– Grund ist das, was trägt – gehen zu müssen. Der Weg zum Grund ist also mit Vorsätzen gepflastert, die vielleicht nicht zur Hölle führen, aber Menschen im Flachland ihrer Existenz belassen.

Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari
Fotos: Irmgard Kellner

Neue Bücher von Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari:

„Seit ein Gespräch wir sind ...“ Neue Begegnungen. Styria-Verlag Wien–Graz–Klagenfurt, 2007.

„Bis das Licht hervorbricht“ – Fragen zwischen Kirche und Kunst. Styria-Verlag Wien–Graz–Klagenfurt, 2006

„Und dann der Tod – Sterbebilder“. Styria-Verlag Wien–Graz–Klagenfurt, 2005

„Begegnungen unterwegs“ – Eine Nachlese. Styria-Verlag, 2003.

Weitere Bücher finden Sie auf
www.graz-seckau.at/menschen/kapellari.egon.php
 

Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise)