Eintauchen in die Anderswelt
Gedanken eines oststeirischen Wallfahrers

Dass der Wallfahrtsort Mariazell alljährlich von tausenden von Pilgern aus allen Gegenden der Steiermark (und den angrenzenden Bundesländern) aufgesucht wird, ist ein Faktum. Manche gehen die mehrtägige Strecke zum vierten, fünften, zehnten, x-ten Mal. Und wem dabei die erhoffte Verinnerlichung zu kärglich ausgefallen ist, der wandert dann eben gleich weiter bis Altötting (Bayern) oder nach Einsiedeln (Schweiz), wie mir ein Pilger kürzlich berichtet hat.
Denn dass neuerdings Wallfahrtsrouten wie energetische Linien weit über unsere grüne Mark hinaus zum Krafttanken einladen, istnur der Beweis für die Entschleunigungs- und Selbstzentrierungssehnsucht unserer stressgebeutelten Mitmenschen. Christliche Glaubensgemeinschaften haben im Zusammenschluss mit körperbejahendem Wellnesstourismus neuerdings den Hemmaweg, die Via Sacra, den Bibelweg und Ähnliches ins Leben gerufen. Auch das europäische Straßennetz der einstigen Rom- und Santiagopilger findet wieder auf modernen Wanderkarten Beachtung, wenn dabei religiöse Motivation auch leider allzu oft von sportlichen Fitnessgedanken internationaler Weitwanderwege überlagert wird.

3200 km bis Santiago de Compostela
Letzteren Beweggrund wird man aber kaum jenen drei Oststeirern aus dem Ilztal unterstellen können, die 2003 mit Glockengeläute von ihrer Heimatgemeinde verabschiedet worden sind und von hier den 3200 km langen Marsch bis Santiago de Compostela „in christlicher Demut“ zurückgelegt haben.
Ich durfte diese Pilgerschaft als fast 70-Jähriger im Sommer 2005 auf mich nehmen, um Dank für ein erfülltes, glückliches Leben abzustatten.
So bin ich also fünf Wochen lang mit meinem Rucksack dahingewandert und eingetaucht in die Anderswelt der Pilger als „Einübung in die Ewigkeit“. Meine Gespräche mit anderen Peregrini brachten viele Motivationen zutage: Arbeitslosigkeit, zerbrochene Beziehung, Desorientierung oder einfach vom Leben ausgebrannt. Viele wandernde Seelen, deren innere Bürde schwerer war als die Last ihrer Rucksäcke.
Am Ende bleibt mir unvergessen die Weisheit eines Regensburger Pilgers,mit wallendem Silberbart einem Druiden nicht unähnlich, der sich auf Krücken zur Kathedrale von Santiago geschleppt hat: „Gott ist gut. Man braucht nicht über sich hinaus-, es genügt in sich hineinzuwachsen.“

Titus Lantos

Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellhinweise)