Wallfahren als lebendige Volksfrömmigkeit in der Steiermark

Will man an Gott, die Gottesmutter Maria oder einen anderen Heiligen eine konkrete Bitte herantragen oder einem Bildnis bzw. dem Leichnam eines Heiligen besondere Ehre er-weisen, so begab und begibt man sich einzeln oder in Gruppen auf die Reise, man „geht wallfahrten“. Das Wort „wallfahren“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „wallen“ ab, was unterwegs sein, umherschweifen, von Ort zu Ort ziehen bedeutet. Seit dem 13. Jahrhundert wird das Wort meist im Sinn von „pilgern“ benutzt. Pilgern leitet sich vom lateinischen „peregrinus“ ab, das fremd, ausländisch und nicht sesshaft heißt. Der Pilger ist so eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht und einen Pilgerort zu Fuß oder mit einem Verkehrsmittel aufsucht. Im Schimpfwort „Pücher“ lebt bis heute die Angst und Unsicherheit vor dem Fremden weiter.
Die christliche Wallfahrt beginnt etwa im 4. Jahrhundert mit Wallfahrten nach Jerusalem. Ziel war es, die historischen Stätten Jesu aufzusuchen und so dem Gottessohn und seinem Wirken nahe zu sein. Andere beliebte Ziele christlicher Fernwallfahrten waren Rom und Santiago de Compostela. Die Wallfahrt ist keine christliche Erfindung. Schon in der Urzeit suchten Menschen Orte auf, an denen sie eine besondere Nähe zum Göttlichen erfahren konnten. Bis heute gibt es in allen Religionen das Phänomen „Wallfahrt“ als Hinwendung zu Gott.

Heimische Wallfahrten
Waren im Mittelalter die Fernwallfahrten mit beschwerlichen Wegen bestimmend, so änderte sich das Wallfahrtsverhalten ab der Barockzeit. Nahwallfahrtsorte entstanden und gewannen an Bedeutung. Nun konnte jeder, egal ob arm oder reich, auf eine Wallfahrt gehen.
Suchte man am Beginn der christlichen Wallfahrt bevorzugt die Gräber von Aposteln und Märtyrern auf, so wurden ab dem 14. und 15. Jahrhundert, spätestens jedoch ab der Barockzeit, Wallfahrten zu Gnadenbildern vorherrschend. Diese Form beruht auf der Vorstellung, dass durch ein Bild ein Heiliger in besonderer Weise gegenwärtig ist. Zum meistbesuchten Ziel dieser bildbezogenen Wallfahrten wurde die Gottesmutter Maria, die Fürsprecherin in allen Nöten.
1647 weihte Kaiser Ferdinand III. seine Familie, Völker, Heere und Provinzen Gott „und der Jungfrau, Gottesgebärerin und unbefleckt Empfangenen, durch welche die Fürsten herrschen, als der besonderen Herrin und Patronin Österreichs“. Die Gottesmutter Maria wurde damit zur Magna Mater Austriae und die Marienwallfahrtsorte erlebten einen immensen Zuspruch. Allen voran natürlich das steirische Mariazell, das sich zur Hauswallfahrt der Habsburger und zum Reichsheiligtum der Monarchie entwickelte. Seit dem Mittelalter zieht die Gnadenmutter von Mariazell so die Menschen an. Außer in Mariazell wird auch in Mariahilf in Graz täglich eine Wallfahrermesse gefeiert.
Der Schematismus der Diözese Graz-Seckau nennt 46 weitere Orte mit Kirchen und Kapellen, die Marienwallfahrtsorte sind. Daneben sind aber auch Sankt Lorenzen ob Eibiswald, der Gegeißelte Heiland in Wies, der Heilige Blasius in St. Blasen oder die Leonhardi-Kirchen von Bad Aussee Ziele von überwiegend regionalen Wallfahrten.

„Hülffh in jeder Noth“
Häufig an Wallfahrtsorten anzutreffen sind Zeichen des Dankes. Solche Votivgaben lassen sich in Mariazell bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Häufig dargebracht wurden gemalte Bilder mit Szenen der Gebetserhörung – Errettung aus Krankheit und Leiden, für gute Geburt, für überstandene Unfälle, Gefahren, Kriege und sonstige Katastrophen. Auch Drucke, Fotografien und Stickereien sind zu finden, ebenso Kerzen, Tiermodelle, Statuetten, Amulette, Eheringe, Haarzöpfe oder Schrifttafeln. Auch heute noch wird aus Dankbarkeit an die Wallfahrtskirchen gestiftet.

Mag. Heimo Kaindl (Auszug), Diözesanmuseum Graz

 

 

Fotos: Diözesanmuseum

 

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