Fußballgott und Bühnenstars
Warum „pilgern“ wir zu Rockkonzerten? Warum auf den Fußballplatz?
Und wie eng ist die Beziehung zwischen Sport und Religion? Eine Beobachtung

 

 

Foto: Helmut Utri

Pilgern liegt im Trend – Millionen von Menschen sind weltweit unterwegs. Doch die Ziele heißen heute nicht nur Rom und Santiago, sondern auch Madonna, Rolling Stones und FC Barcelona. Immer öfter hört man Sätze wie „Die Leute pilgerten zum Rockkonzert“. Oder: „Heute pilgern wieder Tausende ins Fußballstadion“. Die Frage dabei ist: Warum ziehen uns Sport- und Musikevents magnetisch an? Und bedeutet „pilgern“ nicht etwas völlig anderes?
Stadien gab es bereits in der Antike. Die Gladiatorenkämpfe im Kolosseum konnten bis zu 80.000 Menschen mit verfolgen, bei den Wagenrennen im Circus Maximus waren es sogar noch mehr. Auch die mittelalterlichen Ritterspiele fanden oft vor großem Publikum statt. Mit der Gründung von Clubs und Vereinen im 19. Jahrhundert stieg das Zuschauerinteresse weiter, heute stehen für Sport- und Musikevents gigantische Stadien und Mehrzweckhallen zur Verfügung. Das Camp-Nou-Stadion in Barcelona etwa fasst rund 99.000 Besucher, das Aztekenstadion in Mexiko City bietet 105.000 Zuschauern Platz.

Gemeinsam statt einsam
Für den Besuch von Massenveranstaltungen gibt es mehrere Motive. Als ersten Punkt nennen Wissenschafter meist die Gruppenanbindung – die Motivation, mit anderen Menschen gemeinsam Zeit zu verbringen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die Motive Identifikation, Flucht aus dem Alltagstrott und Selbstdarstellung. Die Identifikation mit einer Mannschaft oder einem Popidol zeigt sich in mehreren Aspekten. Fans wissen mehr als andere über ihr Team, sie investieren Geld für Fanartikel und Zeit für Auswärtsspiele oder Festivals. Daneben sehen sie ihre Mannschaft, ihren Star in durchwegs positivem Licht. Misserfolge dagegen werden mit Faktoren wie Pech oder schlechten Schiedsrichterleistungen erklärt. Besagt zumindest eine internationale Studie.
Die Strategien der Selbstdarstellung sind ebenfalls sehr vielfältig. Wer selbst Held sein will, betont seine Verbindung zu erfolgreichen Leistungen. Wenn eine Mannschaft gewinnt, heißt es oft: „Wir haben gewonnen“. Wenn sie verliert: „Die haben verloren“. Auch vorzugeben, bei einem ungewöhnlichen Ereignis dabei gewesen zu sein, fällt unter Selbstdarstellung. Ein Wissenschafter hat herausgefunden, dass Hunderttausende behaupteten, den zweiten Boxkampf zwischen Joe Louis und Max Schmeling live im Madison Square Garden gesehen zu haben – dort haben aber nur 20.000 Menschen Platz. Bei aller Liebe zur Wissenschaft muss jedoch auch gesagt werden: Fußball und Musik sind für viele Menschen einfach Unterhaltung, Spaß und Lebensmittel. Und ohne Fans wären selbst Europameister zweite Liga.

Sport und Religion
Die Beziehung zwischen Sport/Musik und Religion ist diffiziler. Vielfach gibt es bei Fußballspielen und Konzerten Inszenierungen, die Parallelen zur Religion erkennen lassen, sagen Soziologen. Popstars werden als „Heilige“ verehrt, Stadien als „moderne Kathedralen“ bezeichnet und der Goalgetter wird zum „Erlöser“. Verstärkt gibt es aber auch Szenarien, die für viele über das Ziel hinausschießen. Für Unmut sorgte zum Beispiel eine Werbekampagne des Fußballklubs „St. Pauli“. Die Mannschaft zeigte sich wie Jesus und seine Jünger beim Abendmahl, aus dem „Vaterunser“ wurde kurzerhand ein Slogan: „Vater unser, der Du bist im Stadion, geheiligt werde Dein Ballgefühl …“.
Ein unsensibler Umgang mit einem sensiblen Thema macht sich aber auch in anderen Bereichen unseres Alltags bemerkbar. Kein Tag vergeht, an dem nicht „Menschen in Konzerte pilgern“, keine Europameisterschaft, bei der nicht ein neuer „Fußballgott“ geboren wird. Dass „pilgern“ für Ruhe und Besinnung steht, und nicht für Wettkampf oder Glamour, wird dabei nur allzu oft vergessen. Dass man mit dem Wort „Ersatzreligion“ nicht wirklich weiterkommt, auch.
Im Internet-Forum der deutschen Band „Tokio Hotel“ fragt eine Schülerin, wie Fans denn die Gruppe sehen – ob die Musiker eine Art Ersatzreligion für sie sind? Ein Fan fasst den Grundtenor der Antworten zusammen: „,Tokio Hotel‘ sind anbetungswürdig – aber ich bete nicht zu ihnen, sie sind einfach göttlich – aber sie sind nicht Gott, sie werden für mich immer heilig sein – aber es wird die Jungs niemand heiligsprechen.“

Andreas Prückler

 

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