„... nur nicht vor Weihnachten“

Fabian Hauser interessierte es im Grunde herzlich wenig, was die junge Frau, in deren haselnussbraune Augen er gerade blickte, von seinem Wunsch hielt, Weihnachten am entlegendsten Ort der Welt zu verbringen. Trotzdem versuchte er, es ihr zu erklären – erfolglos. „Das ist aber traurig“, wiederholte sie und nippte an ihrer Melange.

„Wenn Sie meinen“, entgegnete er und rief nach der Rechnung. Höflich verabschiedete er sich von der Frau, mit der er eher zufällig, nur der Überfüllung des kleinen Cafés wegen den Tisch geteilt hatte, und griff nach seinem Mantel, seinem Rucksack und dem bunten Reiseprospekt, in dem er ein preiswertes Angebot für eine Reise ins weihnachtsferne Irgendwo zu finden hoffte.
„Vor allem kann man flüchten“, hatte er noch die Worte seiner Großmutter – Gott habe sie selig – im Ohr, „vor allem, nur nicht vor Weihnachten.“ Seit Jahren versuchte er, ihre These zu widerlegen. Gründe vor Weihnachten zu flüchten gab es wahrlich genug, und schon die allgemeinen wogen so schwer, dass er die persönlichen gar nicht erst bemühen musste: grell-blinkende Lichterketten, an Häuserfassaden hochkletternde Weihnachtsmänner, prallgefüllte Schaufensterauslagen und eine undurchdringliche Menschenmasse, die sich durch die Einkaufspassagen schob.
Sosehr er sich auch bemühte, die Bilder stiller Ankunft, froher Botschaft und Besinnlichkeit zu beschwören, um die es doch angeblich gehen sollte, wurden sie doch von dieser scheinbesinnlichen Geschäftigkeit überlagert. Die einzige frohe Botschaft, die man Fabian hätte bringen können, wäre die einer todsicheren Fluchtmöglichkeit, die Garantie, den Heiligen Abend in absoluter Stille und völliger Abwesenheit von Weihnachtsbäumen, Weihnachtsmusik und lästigen frohen Weihnachtswünschen zu verbringen.
„Ein Funkloch!“, hörte er es hinter sich rufen, und als er sich umdrehte, sah er, dass die junge Frau mit den haselnussbraunen Augen ebenfalls bezahlt hatte und ihm nun nacheilte. Leicht irritiert zog er die Augenbrauen hoch: „Wie bitte?“
Sie lachte. „Alles, was Sie brauchen, ist eine kleine Berghütte mitten in einem Funkloch, ohne Strom. Keine lästigen Anrufer, keine Lichterketten und kein Radio, aus dem tagelang nur Weihnachtsmusik dudelt.“ Sie hatte wirklich sehr schöne Augen.
„Kein elektrisches Licht, nur Kerzen. Ein ein-geheizter Kachelofen, ein sternenklarer Himmel, und womöglich werde ich mich auf einen langen Fußmarsch durch den hohen Schnee begeben müssen, um im Dorf einige letzte Einkäufe zu erledigen, bevor die Geschäfte schließen. Wie viel weihnachtlicher kann es denn noch werden?“ Wenn es um Weihnachten ging, verließ Fabian auch der letzte Sinn für Humor.
Er schob sich an einem Glühweinstand vorbei, eine dieser bunt beleuchteten Buden, die ihmin der Adventszeit immer im Weg zu stehen schienen, doch sie zog ihn am Ärmel zurück. Bevor er sich versah, drückte sie ihm schon ein Glas Glühwein in die Hand.
„Was finden Sie eigentlich so schlimm an Weihnachten?“
Was konnte man eigentlich gut finden an Weihnachten, wollte er die Gegenfrage stellen, wusste aber schon im Voraus, dass sie seine Argumente und Hinweise auf Lichterketten, Konsumterror und Scheinheiligkeit nicht würde gelten lassen. Eine Missionarin, so viel hatte er schon erkannt. Wenngleich sie wirklich, wirklich schöne Augen hatte.
„Was finden Sie eigentlich so schön an Weihnachten?“, fragte er und gestand sich (widerwillig) ein, dass ihn der Glühwein angenehm wärmte.
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Ich mag, dass wir in der Weihnachtszeit enger zusammenrücken. Ich mag, dass wir uns Zeit füreinander nehmen. Ich mag den Geruch von Weihnachtsgebäck und Zimt, und ich mag es, mit meinen Freunden zusammenzukommen, heißen Kakao oder Glühwein zu trinken und uns gegenseitig unsere Weihnachtseinkäufe zu zeigen. Ich mag es, mir Gedanken zu machen, womit ich meiner Familie und meinen Freunden eine Freude machen kann, und ich mag es, wenn die Menschen ihre Häuser schmücken und alles ein bisschen heller wird.“ Wobei sie zugab, dass man sich über Geschmack streiten könne, aber der gute Wille zähle. Fand sie.
„Und ich mag es“ (ihm gefiel, wie ihre Augen dabei strahlten), „dass die Leute freundlich zueinander sind, einfach nur so, weil Weihnachten ist.“

Zwei Gläser später sah er alles nicht mehr ganz so eng, dafür hatte er aber die Telefonnummer der jungen Frau mit den schönen Augen und ihr Versprechen, sich bei Gelegenheit wieder einmal zu treffen, dann vielleicht auf ein Glas Rotwein in seinem Lieblingslokal. Das Reisebüro, in dem er seine Weihnachtsflucht hatte buchen wollen, hatte inzwischen bereits geschlossen. Wahrscheinlich hatte seine Großmutter eben doch Recht, man konnte vor allem flüchten, nur nicht vor Weihnachten. „Sei’s drum“, dachte er und warf den Reiseprospekt in den nächsten Mistkübel.

 

Corinna Steinert
 

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