Vier Frauen und ein Zugereister

 

„Wat kieckst’n so?“ Man wurde nicht alle Tage mitten auf dem Grazer Hauptplatz von einer echten Berliner Schnauze angesprochen, und so dauerte es einen Moment, bis Bernhard Löffler merkte, dass er gemeint war. Er hatte den Mann mit dem sympathischen Bierbauch wohl ein bisschen zu offensichtlich - und zu amüsiert - angestarrt. Dessen laute Bemerkung über die Frauenfiguren, die das Denkmal des Erzherzogs Johann umringten („gleech vier Frauen auf eenmal, na, dat hätt’ ick ooch jerne!“), hatte ihn an seine ersten Tage in Graz erinnert, als er, der frisch zugereiste „Piefke“, den gleichen Anfängerfehler gemacht hatte. Bereitwillig hatte ihn ein freundlicher Grazer belehrt, dass die Frauen die vier Flüsse symbolisierten, die zu Zeiten des Erzherzogs durch das damalige Territorium der Steiermark geflossen seien, nur zwei davon seien auch heute noch steirisch. Damals hatten ihm diese geographischen Erläuterungen natürlich nichts gesagt, und auch der Erzherzog war ihm kein Begriff  gewesen, aber inzwischen war er bestens, um nicht zu sagen voll informiert.

„Wat kieckst’n so?“ Bernhard zuckte zusammen, als er merkte, dass er die Berliner Schnauze immer noch anstarrte und diese das gar nicht mehr lustig fand. Seit mehr als zehn Jahren lebte er nun schon in Graz, hatte gut Fuß gefasst und auch die eine oder andere Eigenart der Österreicher angenommen (ausschließlich des Dialektes, der ihm nur bedingt von den Lippen kam), und er fragte sich, wie er damals wohl auf andere gewirkt haben mochte. Auch so forsch? Gerade in den ersten Jahren hatte es öfter mal geheißen, er müsse wohl ein Deutscher sein, wenn er, etwa bei einem Behördengang oder auch nur an der Wursttheke einen Drängler darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er nun an der Reihe sei - die Deutschen, so hatte er erfahren, bestünden ja gerne auf ihrem Recht. Ab und zu traf er auf Menschen, die sofort auf die Vorzüge der Österreicher gegenüber den Deutschen zu sprechen kamen und ihn schön auf Distanz hielten, manche Ressentiments saßen eben tief. Bernhard verzichtete darauf, mit gleichen Geschützen, sprich Vorurteilen, aufzufahren, obwohl ihm da gleich einmal ein paar eingefallen wären.
Der Blick des Berliners verfinsterte sich, denn Bernhard starrte immer noch. Er wollte nicht übertreiben, andere mochten Grund zur Klage haben, er ganz sicher nicht. Er fühlte sich wirklich, wirklich wohl in Österreich. Die Angebote seines früheren Arbeitgebers, wieder zurück nach Deutschland zu kommen, lockten ihn nicht.  Wer die schönen Seiten Österreichs kennen gelernt hatte, trennte sich schwer. Die Landschaft (wenngleich es davon in Deutschland natürlich auch reichlich gab), der Charme, die vielgerühmte Gemütlichkeit - ja, die Österreicher lebten um einiges entspannter, das Klima war weniger rau, weniger hektisch, man war, auch wenn man es partout nicht wahrhaben wollte, um einiges zufriedener.

„Warum schauen Sie so?“


 
Corinna Steinert
 

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