Anna log oder: Die Wirrnis des täglichen Einkaufs |
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Anna musste lachen, als sie im Supermarkt die Erdbeeren zum „sensationellen Tiefstpreis“ von EUR 1,99 sah. |
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Wahrscheinlich waren EUR 1,99 für Erdbeeren im Herbst wirklich wenig, wenn man die Transportkosten bedachte, die Verpackungskosten, den Großhändler und die Supermarktkette, die auch noch daran verdienen wollte. Da sagte einem doch der Hausverstand, dass für den Obstbauern nicht mehr viel übrig blieb. Dennoch murrten die Leute über die Kosten von Lebensmitteln. Milch und Eier seien so teuer, Brot und Gebäck, Aufschnitt, Fleisch, Obst und Gemüse. Sie wollten möglichst wenig ausgeben für ihre Nahrungsmittel, staunten dann aber nicht schlecht, wenn sie hörten, was bei ihnen tatsächlich auf dem Teller landete. Wenige schienen darüber nachzudenken, dass gute und fair gehandelte Qualität eben nicht zu Niedrigstpreisen zu haben war. Aber auch Anna schaffte es nicht immer, umwelt- und verbraucherbewusst zu kaufen. Es war nicht leicht, sich in den Wirrnissen der Gütesiegel und Inhaltsstoffe zurechtzufinden. War österreichische Qualität das gleiche wie Qualität aus Österreich? Was war der Unterschied zwischen steirischem Kernöl und Kernöl aus der Steiermark? Was waren „natürliche Aromastoffe“, und wie viel Vollkorn musste ein Vollkornprodukt aufweisen, um als solches zu gelten? Wie bio war „Bio“ wirklich? Und warum log Anna? Haha, Wortspiel. Sie schmunzelte, auch wenn die Sache mit dem Anna-log-Käse, Entschuldigung: Analogkäse eigentlich nicht zum Lachen war. Nur ein weiteres Beispiel für die Irreführungen, mit denen sich die Verbraucher Tag für Tag herumschlugen. Tatsächlich hatte sie erst vor wenigen Wochen in der Zeitung gelesen, dass eine namhafte Supermarkt-kette gedenke, Lupen an den Einkaufswagen anzubringen, damit die Kunden die Zutaten der Produkte genau studieren konnten. Anna hatte es für einen Scherz gehalten. Bei manchen Produkten wollte sie lieber nicht wissen, woraus sie hergestellt waren. Und dann noch der Verpackungsmüll – das meiste Plastik, in dem Brot, Gebäck, Käse und Wurstwaren dick verpackt waren! Sie traute sich zu wetten, dass der Kauf frischer Ware beim Fleischhauer oder auf dem Bauernmarkt relativ gesehen nicht wesentlich teurer war als der beim Discounter. Denn dort mochte der Schinken zwar mehr kosten, man konnte ihn sich aber dünn aufschneiden lassen, so dass man im Grunde mehr davon hatte, als von den paar Blatterln in der Plastikfolie. Das Obst und Gemüse in den Plastik-schalen der Supermärkte war nicht immer wirklich frisch oder überhaupt schon reif. Nicht selten musste man einen guten Teil entweder erst lange nachreifen lassen oder konnte ihn gleich wegwerfen oder dem Haustier verfüttern. Auf dem Bauernmarkt dagegen konnte man sich die Obststücke selber aussuchen. Obwohl Anna natürlich wie alle anderen auch im Herbst und Winter gelegentlich einen Gusto auf Erdbeeren hatte, wusste sie das saisonale Angebot der Bauern zu schätzen. Erdbeeren schmeckten im Juni nun mal am besten, denn die Freude über den Frühsommer war Teil des Genusses. Oft aß sie die Beeren schon auf dem Heimweg, ohne schlechtes Gewissen, weil sie sie nicht gewaschen hatte. Fuhr man damit unter dem Strich nicht wesentlich besser? Dennoch müsste Anna lügen, wollte sie behaupten, dass sie sich immer von ihren guten Vorsätzen leiten ließ. Viel zu oft siegte die Bequemlichkeit, viel zu oft schaffte sie es nicht mehr rechtzeitig zum Bauernmarkt, und an wie vielen Samstagen hatte sie schon ein ausgedehntes Frühstück dem Einkauf beim Bauern vorgezogen? Nur, um dann doch beim Discounter zu landen, wie so viele andere auch, die zwar das nötige Bewusstsein, aber noch nicht die nötige Konsequenz hatten. Seufzend ließ sie die Erdbeeren liegen und schlug sich weiter durch die Wirrnis des täglichen Einkaufs. |
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Fotos: © Steiermark Tourismus |
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Corinna Steinert |
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Die vollständige Fassung dieses Artikels finden Sie in dieser Ausgabe der "steirischen berichte". (Bestellung) |
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