2009 – Erzherzog Johann und andere Jubiläen

 

Gedenkjahre haben es in sich. Es ist immer interessant zu beobachten, wie verschiedene Ereignisse mit verschiedenen Brillen verschieden betrachtet und gedeutet werden.

Grenzstein an der neuen steirischen Grenze.
Foto: GPO

 

Es war mutig, in der Steiermark für Erzherzog Johann 150 Jahre nach seinem Tod ein Gedenkjahr auszurufen. Schließlich hatte sich das Land 1982, 200 Jahre nach seiner Geburt, intensiv des steirischen Prinzen erinnert, im Zentrum in der großen Landesausstellung auf Schloss Stainz. Diese Schau und ihre Kataloge entstaubten die Sicht auf die Persönlichkeit und die Zeit des Erzherzogs. Man durfte annehmen, dass damit das Thema weitgehend erschöpft sei. Mitnichten. Zahlreiche Initiativen und Publikationen haben sich wiederum mit dem großen Reformator beschäftigt. Lücken wurden entdeckt und aufgefüllt, Umgebung und Zeit Johanns stärker als früher ans Licht gerückt. Auch die steirischen berichte haben sich mit einer Spezialausgabe daran beteiligt. Anna Plochls wurde gedacht, für sie war ihr steiler gesellschaftlicher Aufstieg nicht nur romantische Glückserfüllung, sondern auch schwierige Lebensaufgabe. Eine erste Monographie berichtet nunmehr über Franz Graf Meran, den Sohn Johanns und Annas.
Irgendwo wurden auch Johann und Napoleon bei aller Gegensätzlichkeit als Kinder der Aufklärung beleuchtet.

Es hat 2009 noch andere Anlässe zu runden Jubiläen gegeben, auch solche, die den Kontinent Europa erschütterten.

Vor 90 Jahren, 1919:
Saint Germain bei Paris wird der Vertrag unterzeichnet, mit dem für die neue Republik Österreich der Weltkrieg zu Ende geht, der mit Sarajewo 1914 in der Monarchie Österreich-Ungarn seinen Anfang genommen hat. Es ist ein strenger  Vertrag. Das Habsburgerreich ist mit seinem militärischen Zusammenbruch zerfallen. Die kleine Republik ist der „Rest“, wie Clemenceau, einer der Sieger, sagte. Dieser Rest hält sich nicht für lebensfähig, nennt sich Deutsch-Österreich, will sich Deutschland anschließen, doch die Alliierten, die Sieger, sagen nein.

Vor 80 Jahren, 1929:
Die Weltwirtschaftskrise beginnt mit dem Börsenkrach in New York.
Sie gebiert Massenarbeitslosigkeit und die entsprechenden politischen Folgen. Imre Kertész, Nobelpreisträger für Literatur, sagte kürzlich zur Finanz- und Wirtschaftskrise anno 2009: „Eine Finanzkrise war auch der Ausgangspunkt der Machtübernahme Hitlers. Der Holocaust hat aber heute keine Wirkung mehr auf das Bewusstsein der europäischen Politiker, sonst wäre es nicht so weit gekommen.“ Er hätte ruhig „der amerikanischen und europäischen Politiker“ sagen können.

Vor 70 Jahren, 1939:
Der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen entfacht den zweiten Riesenkrieg. Noch fürchterlicher als der erste, stürzt er Europa in ein apokalyptisches Inferno. Wie 1918 ertönt auch 1945 der Schrei „Nie wieder Krieg!“ Bleibt er wieder vergeblich?

Vor 60 Jahren, 1949:
Politik beginnt den Versuch, auf dem Kontinent Krieg abzuschaffen. Der Europarat wird gegründet, ein Zusammenschluss europäischer Staaten, die im Laufe der Jahre mit vielen Konventionen in vielen Lebensbereichen in demokratischer Gesinnung gemeinsam menschenwürdige Bedingungen des Zusammenlebens sichern wollen. Der Europarat ist Vorreiter für Prozesse, die über die Montanunion und die Europäischen Gemeinschaften schließlich zur Errichtung der Europäischen Union führen. Es ist ein langer, steiniger Weg. Noch ist der Europäische Kontinent durch die Mauer des Kalten Krieges in West und Ost gespalten.

Vor 20 Jahren, 1989:
Die Berliner Mauer fällt unter dem Druck des Volkes. Im Burgenland durchschneidet Alois Mock mit seinem ungarischen Ministerkollegen den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs. In der Folge ereignet sich ruckweise Weltgeschichte: Das Imperium der Sowjetunion zerfällt.
Das geteilte Deutschland wird wieder vereint. Unter heftigen Geburtswehen breitet sich die Europäische Union mächtig aus.

(Fortsetzung in der Printausgabe - Bestellung)

Kurt Jungwirth