Joanneumsviertel und Universalmuseum

 

Das Joanneumsviertel ist ein Museumsprojekt, das im historischen Kern von Graz ein ganzes Viertel aufwerten wird. Wie vergleichbare Städte leidet auch Graz unter den Folgen der Autogesellschaft. Einkaufszentren, Produktionsstätten, Wohnhäuser sprießen in billigen Nachbargemeinden, denen man zu hohen Steuereinnahmen nur gratulieren kann. Die große Stadt aber, deren Aufgaben nicht kleiner werden, verliert Einnahmen und muss ihren Gürtel eng schnallen. Ein Problem, das der sogenannte Finanzausgleich besser lösen muß.

 


Fotos: Gemeinschaftsarbeit der Büros Nieto Sobejano Arquitectos und eep architekten

Das Projekt Joanneumsviertel steuert dieser Entwicklung entgegen, es wird seinen Stadtteil interessanter, attraktiver gestalten und ihn beleben.

Konkret geht es um folgende Ausgangssituation. Zwei Gebäude stehen, durch den Rest des Joanneumsgartens getrennt, einander gegenüber: In der Raubergasse der alte Lesliehof, die Urzelle des Joanneums seit seiner Gründung durch Erzherzog Johann im Jahr 1811, in der Neutorgasse der Bau, den Kaiser Franz Joseph 1895 eröffnet hat. Beide Häuser ehrwürdig, aber genauso wie die dem Lesliehof angebaute Landesbibliothek höchst sanierungsbedürftig. Sanieren genügt aber nicht. Es gibt gewaltige Raumnöte. Vor 40 Jahren gab es schon den Vorschlag, in der Kalchberggasse einen Verbindungstrakt zwischen Joanneum und Landesbibliothek zu errichten. Er verschwand vom Tisch, weil andere Aufgaben vordringlicher erschienen. Erst Landeshauptfrau Waltraud Klasnic startete den neuen Anlauf. Kurt Flecker führte die Aufgabe als Landeskulturreferent zügig weiter. Nun ist sie in Händen seiner Nachfolgerin Bettina Vollath. Es verdient alle Achtung, dass dieses ehrgeizige Projekt politische Wechsel überlebt hat.

Große Rochaden und Pariser Lösung

Die Unternehmung ist mit großen Rochaden verbunden. Die Kunsthistorische Sammlung wandert von der Neutorgasse in das Palais Herberstein in der Sackstraße, von dort kehrt die Neue Galerie in die Neutorgasse zurück, von der sie 1941 ausgesiedelt wurde. Das Bild- und Tonarchiv verlässt sein ewiges Provisorium im Palais Attems und landet ebenso in der Neutorgasse. Die Naturwissenschaften finden neuen Raum in einem Sammlungs- und Studienzentrum in Andritz und bauen eine neue Schausammlung in der Raubergasse auf.

Es gibt keinen oberirdischen Verbindungsbau im Joanneumsgarten, wohl aber eine zweigeschoßige, unterirdische Lösung – vergleichbar mit dem interessanten modernen Eingang im Pariser Louvre – mit Kassenraum und Museumsladen, Besucherzentrum mit Raum für Veranstaltungen und Workshops, Freihandbibliothek und Depots. Leider geriet das baufertige Projekt 2008 in eine öffentliche Polemik. Die wohlbekannte Keule von der Kultur, die so viel Steuergelder kostet, wurde geschwungen. Wer sich in öffentlichen Haushalten auskennt, weiß, dass Kultur nie ein öffentliches Budget umbringt. Das schaffen ganz andere Kombattanten. In der Folge wurde ein unterirdisches Geschoß gestrichen. Das beruhigte die Lage, rettete das Projekt. Der Raumbedarf wird aber deswegen nicht kleiner. Die Auslagerungen, die dadurch notwendig werden, kosten wahrscheinlich im Endeffekt mehr als die ursprüngliche Lösung. Das ist der Fluch des Populismus. Auf kurze Sicht wirkt er billig, auf längere Sicht kommt er teurer.

Joanneum neu und Universalmuseum

Das ganze Vorhaben krönt die Vision „Joanneum neu“, die vor 10 Jahren startete. Sie entwickelte sich rund um die Autonomie des Museums, die nach jahrelangen Überlegungen und Verhandlungen 2003 in der Schaffung einer GmbH gipfelte. Gründlich diskutierte Strategiepläne führten zu starken Veränderungen in der Organisation des Museums, beispielsweise zu einer Zusammenfassung von Abteilungen in Departments. Darin äußert sich eine spartenübergreifende interdisziplinäre Sicht, die in konsequenter Weise zum neuen Namen Universalmuseum Joanneum geführt hat.

(Fortsetzung in der Printausgabe - Bestellung)


Das Joanneumsviertel
(Stammhaus Raubergasse 10, Museumsgebäude Neutorgasse 45, Landesbibliothek).

Kurt Jungwirth