| Über Kultur und Vielfalt in Europa |
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Gerald Gölles im Interview mit Prof. Kurt Jungwirth über die Kunst, Kultur und Gesellschaft |
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Standing Ovation bei der Verleihung des Ehrenringes der Stadt Graz an Prof. Kurt Jungwirth durch Bgm. Siegfried Nagl. |
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Gölles: Herr Professor, lassen Sie uns das Gespräch für die steirischen berichte fortsetzen. Was gab es Neues, was bewegte die Gesellschaft in jener Zeit, in der Sie als Politiker für Kunst und Kultur in der Steiermark zuständig waren? Jungwirth: In der Nachfolge von 1968 wurde in den siebziger Jahren an überkommenen Erstarrungen kräftig gerüttelt. In Kunst und Kultur tauchte eine neue Generation auf, die neue Freiheiten suchte und ihre Ideen kreativ und provokant ins Publikum schleuderte. In vielen Diskussionen wurde ich damals gefragt: „Gefallen Ihnen diese Modernismen?“ Ich antwortete: „Mein persönlicher Geschmack kann nicht erstes Kriterium für Landeskulturpolitik sein.“ Fest stand für mich, dass Kunst auch immer freier Versuch ist. Wir brauchten eine freie Versuchsbühne. Was Qualität hat, setzt sich irgendwann durch, was nicht, fällt durch den Rost. In diese Richtung hat sich der steirische herbst bis heute entwickelt. Und wie war das mit der traditionellen Volkskultur? Auch hier gab es keine Berührungsängste. In der Zeit des gespaltenen Europa gab es interessante, wertvolle Treffen von Volksmusik- und Volkstanzgruppen. Da kamen Norweger, Schweden, Iren, Franzosen, Italiener genauso wie andere, die die Chance nutzten, auf diese Weise über den Eisernen Vorhang zu uns zu kommen, Slowenen, Ungarn, Kroaten, Slowaken, Polen, sogar aus dem politisch besonders schwierigen Albanien kamen sie in die Steiermark. Über Kultur gelang es, Menschen zueinander zu bringen. Das waren gespielte, gesungene, getanzte Friedensprojekte. Kultur als Eisbrecher. Das war gelebtes Europa. Wie steht es mit Kultur in Europa heute? Es ist ein großes Glück, dass Europa zusammenwächst. Wir haben die Chancen, aber auch zugleich die Pflicht, seine Vielfalt zu bewahren. Im Vertrag von Maastricht und nunmehr noch stärker im Lissabon-Vertrag tritt die Europäische Union für die Vielfalt der Kulturen auf. Kein Eintopf à la Hollywood! Es ist der EU auch hoch anzurechnen, dass sie die nationalen Sprachen respektiert, auch die kleinen, wie Slowenisch, Lettisch, Litauisch, Estnisch auch das Maltekische oder das Gälische, die alte keltische Sprache Irlands. Natürlich gibt es in der Praxis die grenzüberschreitenden Leitsprachen, aber grundsätzlich werden die nationalen Identitäten respektiert. Die Gesellschaft prägt den Menschen, beeinflusst ihn allzu gerne bei seiner Entscheidungsfindung. Wie kann sich dem ein Individuum entziehen? Das ist schwierig, weil große gesellschaftliche Mächte am Werk sind, über Ökonomie, Medien und natürlich auch über Politik. Es ist kein Wunder, dass sich der Einzelne in der Welt von heute allzu oft ohnmächtig vorkommt. Und doch muss man sich sagen, man kann immer etwas tun, etwas entscheiden, auch wenn es auf der kleinsten Ebene passiert. Wenn man zum Beispiel einkaufen geht, ist man letztendlich auch WirtschaftspolitikerIn. Kaufen oder nicht kaufen ist ein ökonomischer Entschluss. Wenn Millionen solcher Entschlüsse in dieselbe Richtung gehen, können sie sogar makroökonomisch wirken. Es ist gut sich solcher Vorgänge bewusst zu sein. Demokratie ist gut für bewusste Menschen, umgekehrt sind bewusste Menschen, Bürger und Bürgerinnen wünschenswert für Demokratie. Damit Demokratie lebt. (Fortsetzung in der Printausgabe - Bestellung) |
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Gerald Gölles |
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