Die Sache mit dem Weihnachtsmann

 

Rena konnte nicht umhin, die Unterhaltung der beiden älteren Damen zu verfolgen, die vor ihr zwischen einer Gruppe kichernder Jugendlicher in der Straßenbahn saßen. Vorsichtig balancierten sie ihre Einkaufstaschen auf den Knien und sprachen über den Mann, der am Hauptplatz im abgewetzten roten Mantel, mit roter Haube und fleckigem weißen Filzbart Werbeprospekte verteilt hatte.
Auch Rena hatte ihn gesehen, fand aber, dass er seine Sache als Weihnachtsmann eigentlich ganz gut machte. Immerhin war er immer freundlich geblieben, auch zu denen, die ihn nur böse angeschaut hatten. Dabei machten es sich die beiden Damen dann doch zu leicht, wie sie da so über ihn wetterten und über die Werte bzw. den Mangel derselben, für die er stünde. Konsumterror, grelle Lichterketten und Plastikbäume, wo blieb denn da die Besinnlichkeit?
Ja, wo blieb denn da die Besinnlichkeit? Interessiert studierte Rena die buntbedruckten Sackerln auf den Knien der beiden Damen, auf denen ein halbnacktes, gülden gelocktes Baby mit Pausbäckchen abgebildet war. Wenn sie nicht alles täuschte, zwinkerte das Baby sogar frech in die Richtung des Betrachters. Wenn das das Christkind sein sollte, und die Jahreszeit legte das nun einmal nahe, dann konnte man die Sache mit der Besinnlichkeit nun wirklich knicken.
An der nächsten Station stieg ein junger Mann in die viel zu volle Straßenbahn. Da ihr die Unterhaltung der beiden Frauen ohnehin langweilig wurde, beobachtete Rena ihn. Als einziger der Fahrgäste trug er keine prallgefüllten Einkaufstaschen, er hatte weder ein Handy am noch einen Stöpsel im Ohr, und wirkte überhaupt unbeteiligt an dem ganzen Trubel um ihn herum. So, als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen könne.

(Fortsetzung in der Printausgabe - Bestellung)

 

Corinna Steinert